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L'Age D'or Die Sterne – In Echt & Bonus

In Echt & Bonus

Doppel-CD - 17168-2

out Aug 05

about Die Sterne

Das zweite Sterne Album als Wiederveröffentlichung zum freundlichen Midprice im Rahmen der Lado Classix Reihe gibts ab 29. August zu kaufen. Natürlich komplett remastered und mit vier raren, seit Jahren ausverkauften Bonustracks:

– Eifersucht Spricht – Jetzt Nicht – Klammer Zu – Swinging Safari

Oh, dieser Hunger. Wenn ich an das zweite Album der Sterne denke, schaue ich sofort nach, ob im Kühlschrank noch etwas zu essen ist. In meiner Erinnerung handelt „In echt“ erstmal nur vom Essen. Jetzt, gut zehn Jahre nach der Erstveröffentlichung, stelle ich natürlich wieder fest, dass da überhaupt nicht gegessen wird. Einmal wird zur Nahrungsaufnahme ermahnt, einmal sehnt sich da jemand in den Texten nach einer echten Mahlzeit. Hunger ist hier nichts anderes als die Sehnsucht nach Substanz.

Wie fühlt es sich eigentlich an, wenn etwas echt ist? Und wie stößt man zu diesem Echten vor, wenn alles um einen herum Substitution oder Simulation ist? Mir fällt keine andere Band ein, die so unnachgiebig den Zustand der Indifferenz und des Begriffsüberschusses ausgeleuchtet hat. Früher sagte man sich beim Hören von „In echt“ gelegentlich: Ja, dann verschwindet doch endlich von der Party, die euch offensichtlich so ankotzt und auf der alle nur Blödsinn reden. Der auf diesem Album gespielte Soulrock besitzt einen wunderbaren Swing, in den Texten aber wird zuweilen mit geradezu körperlicher Vehemenz dieser Weltekel formuliert. Ein Weltekel, so massiv wie eine halbe Schale Erdbeerbowle, die durch deinen Magen ihren Weg in die Kloschüssel findet.

Vielleicht nicht die schlechteste Strategie, denke ich heute: Ist der Magen leer, meldet sich auch bald der Hunger wieder. Der Titel des Albums klingt ja so, als solle es hier um das pralle Leben gehen. Dabei hängt auf „In echt“ das Leben gelegentlich vor dir wie die Mohrrübe vor dem Kopf eines störrischen Esels, der so in Bewegung versetzt werden soll. „Und jetzt will ich, dass du dich bewegst, weg von der Stelle, wo das Loch ist“, fordert Frank Spilker schon nach den ersten Takten dieses vielleicht tanzbarsten Albums, das je von einer deutschen Gitarrenband eingespielt worden ist. Es sind nur ein paar Schritte, sie können Leben retten.

Das Loch, so habe ich mir immer vorgestellt, sei dies: eine Bedeutungseinöde aus Fremdzuschreibungen, Wortmüll und leeren Versprechungen. Was war los Anfang der Neunziger, als die Lieder zu „In echt“ entstanden sind? Der Begriff der „Nation“ feierte im wiedervereinigten Deutschland ein Comeback; zur Registrierung einer kompletten Jugend hatte man den Begriff der „Generation X“ lanciert; und ein obskures Ding namens „Virtual Reality“ verzückte und lähmte die Menschen zugleich. „Nation“, „Generation X“, „Virtual Reality“: eine unappetitliche Wortreihung, die doch ganz gut die unterschiedlichen Themenfelder des Albums und ihre ineinander greifenden psychosozialen Dynamiken aufzeigt.

Auf „In echt“ ging es für mich auch immer darum, sich der Eingemeindung der eigenen Person in ungewollte Sinn- und Verwertungszusammenhänge entgegenzustellen. Mit dem Lied „Nüchtern“ und den dort besungenen „nüchternen Genen“ etwa thematisiert Frank Spilker den Umstand, dass in diesem Land zu Zeiten der Kohl-Regierung noch immer das Blutrecht und nicht das Geburtsrecht als konstitutives nationales Moment galt. In „Unland“ wird ein Land beschrieben, dass sich in einen Zustand jenseits von Gut und Böse sehnt, gleichsam in einen Zustand der geschichtlichen Eigenschaftslosigkeit. Die Eigenschaftslosigkeit ist denn auch das verbindende Element, dass Anfang des letzten Jahrzehnts einer ganzen Generation von Zwanzignochwasjährigen unterstellt wurde, die damals medial so umfassend durchleuchtet wurde wie wahrscheinlich keine andere zuvor. Der „Universal Tellerwäscher“ wirkt wie ein „Generation X“-Replikant, der den Sinngehalt seines Lebens längst auf den viel beschworenen McJob reduziert hat. Die damals recht hoch gehandelte „virtuelle Realität“ versprach da für die Sterne keine Befreiung, im Gegenteil: „Die Unterdrückung kann weitergehen“, so fasst Spilker heute sein damaliges Unwohlsein zusammen, „wenn die virtuelle Welt als Ersatz angeboten wird.“

„In echt“ ist also als Protestalbum lesbar – gegen den Neonationalismus und den Trendforschungstotalitarismus. Der Weg aus der Misere kann bei den Sternen allerdings nur ein langer sein, denn im Strom der sich ständig selbst korrigierenden und erweiternden Gedanken leuchtet der Erzähler auch immer wieder als Teil der besungenen Misere auf. Er steht eben immer wieder auf den falschen Parties rum und sich selbst gelegentlich im Weg. Wie kommt der Tropf da raus, wie kann er sich selbst überwinden und dann vielleicht auch noch die Verhältnisse? Es ist ein langwieriger Prozess, Selbstbildnisse über den Haufen zu werfen, Definitionshoheiten zu durchbrechen, gesellschaftliche und subkulturelle Hierarchien auszuhebeln. Das sind die Vorgänge, derer es bedarf, auf dass Utopien Gestalt annehmen können. „Ohne Utopien kommt der Mensch genauso wenig aus wie ohne Essen“, sagt Spilker. Darum ist der Appell an die menschliche Imaginationskraft auf „In echt“ so wesentlich wie der Appell zur Nahrungsaufnahme.

Der utopische Ort – er kann nur aus dem realen erwachsen. Die Musik der Sterne, so stelle ich mir das zumindest vor, ist einem sehr konkreten Ort abgerungen: Hamburger Berg, nördliches Ende, Anfang der Neunziger. Auf der einen Seite der Sorgenbrecher, auf der anderen der Tempelhof. Im Sorgenbrecher wird geredet, viel geredet, viel zu viel zuweilen. Das Licht ist grell, der Addams-Family-Flipper bimmelt, als würde er melden, dass mal wieder jemand beim Schlagabtausch zu Boden gegangen ist. Drüben im Tempelhof versinkt man, die Sessel sind tief, im Rotlicht und im Sound von Soul und HipHop. Die Musik ist laut, viel zu laut zum Reden. Irgendwo zwischen diesen beiden Bars wurde meiner Vorstellung nach der vielgestaltige Soulrock von „In echt“ entwickelt. Die Band war nie besser als auf diesem Album. Sie spielte alert und aggressiv, geschmeidig und im Einklang mit der Nacht. Nur satt klang ihre Musik nicht einen Moment lang.

Machen noch immer hungrig, die Sterne.

(Christian Buß)

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