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L'Age D'or Superpunk – Können Sie Das Groß Machen, Bitte?!

Können Sie Das Groß Machen, Bitte?!

DVD/CD-Paket - 17163-8

out Oct 05

about Superpunk

Eigentlich wollten Hamburgs Top Old Boys Superpunk bloß eine Live-LP aufnehmen. Dann scheuchten im Verlaufe einer Tour im Januar 2005 das Label L’age D’or plötzlich Kameras auf die Band. Viele Menschen tauchten im Umfeld von Superpunk auf – einige haben draufgehalten. Minutiös wurden Konzerte, Reisen, Komazustände, Warmblödeln, Gags, Granteleien & Ganzkörperanschwellungen, Tristesse, Exzess und Agonie festgehalten und eingedampft. Das Ergebnis halten Sie in den Händen: eine 65 Minuten Live-CD, eine Sammlung von Videoclips (On & Off-Road), ein richtiger Film und zahllose Anekdoten vom Wegesrand: Schwitzkünstler, Quatsch, Tanzeinlagen und Definitionen (ernsthaft, sowie sinnentleert). Das alles in Dolby Digital 5.1 Surround + Headphone-Surround™: 141 Minuten lang! Dazu die Gedanken einiger Freunde, die Superpunk über die Zeit sehr geholfen haben. Hier haben nun auch die Fans Gelegenheit Superpunk aus nächster Nähe zu betrachten und darüber zu entscheiden: Ist diese Band gecastet? Ein Streichelzoo? Sind diese Leute lustig? Wurstig? Verschroben? Oder handelt es sich doch – wie oft schon kolportiert – um eine Drückerkolonne, die sich mit Tönen aufdrängt? Urteilen Sie selbst, ab 28.10. ist das Super-Paket im Handel zu haben.

Sofern diese Band nicht schon immer ihr Credo auf den gestreiften Jacket-Ärmeln getragen hat, schafft es dieses neue, unverzichtbare Superprodukt vieles von dem zu entschlüsseln, was Superpunk ausmacht. Großen Anteil daran hat der tolle, von Christian Theede in Szene gesetzte Film „Ich Mag Den Mann Nicht, Der Ich Bin“. Wir sehen die Band unter Plastikpalmen über ihre Erfolgskarriere in spe reden und denken: „Understatement!“ Diese Szene ist nur ein Beispiel dafür, wie hier immer wieder aufs unterhaltsamste Rock-Klischees persifliert werden. Überprüfen Sie in diesem Zusammenhang bitte auch die quatschig-geniale Homesstory in Lars Bulnheims „Mansion“!

Das Quatschig-Geniale setzt sich fort in den noch nie so deutlich wie hier zutage getretenen Entertainer-Qualitäten Carsten Friedrichs’, die sich irgendwo zwischen „Kottan ermittelt“ und dem mittsechziger Dylan bewegen. Dazu gehört das Reden in Gegensätzen. Superpunk seien „hemdsärmelig, aber im Frack“, so der Sänger in die Kamera. Eine Absage an eindimensionale Sichtweisen der Band formuliert sich. Unterschwellig scheint das klassische Rock’n’Roll-Ideal „You Can’t Catch Us“ aufgerufen zu werden.

Nur der Kamera gestattet man, die Band einzufangen, weshalb man auch endlich erfährt, worüber im Tourbus gesprochen wird (Ejakulation und Sitzpolsterreinigungsrechnungen). Zwischen den Busfahrten läßt es sich die Band nicht nehmen, für ihr Geld zu arbeiten. Beeindruckend ist Theedes Montage zweier Konzerte, deren Kontraste nicht größer sein könnten. Ein absurd-besinnlicher Auftritt mit Betriebsfestcharakter (das Publikum sitzt an Tischen!) wird gegengeschnitten mit dem völlig ekstatischen Konzert beim Puch-Festival 2002. Fast unnötig zu erwähnen, dass Superpunk in beiden Fällen absolut souverän agieren!

Eine These, die gleichermaßen für die Live-CD gilt. Die Live-Variationen der aus den drei Superpunk-Alben ausgewählten Stücke machen noch ein paar Bars mehr Druck als die regulären Versionen. Natürlich sind alle alten und neuen Hits dabei. Man hört auch, dass die Band mittlerweile so gut eingespielt ist, dass sie sich die Freiheit erlauben kann, die Songs subtil zu modifizieren. Ein extraordinäres Erlebnis!
In einem der anrührendsten Momente der DVD beschreibt Thies Mynther Superpunk völlig ironiefrei als Menschen, die schon in viele Abgründe geblickt haben. Deswegen ist diesen Menschen auch ihr Humor nie übel zu nehmen. Man weiß ja, woher er kommt und wozu er gut ist (um die Absurdität des Lebens auszugleichen?). Gleichzeitig wirkt er auch als verbindendes Element. Das ist eine weitere Lehre, die man vor allem aus der DVD ziehen kann: Superpunk funktionieren, wie Carol von Rautenkranz feststellt, wie eine Gang. Möglicherweise die Steigerungsform, wenn nicht der Superlativ des Band-Prinzips. Also gerade nicht „almost like a real band“, wie die top old boys nicht müde werden zu untertreiben, sondern viel mehr als das. Superpunk – und das kann man daran sehen, wie man trotz aller Häme respektvoll miteinander umgeht – ist längst zu einem Lebensentwurf avanciert, der vormacht, wie man der Feindlichkeit der Welt etwas entgegen setzen kann. Es ist dies bestimmt einer der Aspekte, der in der Wahrnehmung ihrer Fans eine große Rolle spielt. Als Gang ist man naturgemäß auf sich selbst bezogen, aber Superpunk vergessen nie, offen zu bleiben. Deswegen kommen auf dieser DVD zahlreiche Freunde zu Wort, die teilweise auch in den Videos eine erschreckend authentische Form von Schauspielkunst kultivieren.

Eine andere wichtige Sache bei dieser Band/Gang ist die enge Verknüpfung mit der Wirklichkeit, wie sie jenseits von Nachmittagstalkshow-Idiotie und anderer Entwürdigungsrituale des modernen Lebens stattfindet. Obwohl es für viele eine Selbstverständlichkeit ist, wird hier noch mal deutlich, dass man es mit der kompletten Anti-These zum Karrierismus irgendwelchen Castinghumbugs zu tun hat, der Musikmachen nur als Mittel versteht, Geld zu scheffeln.

Man wirft Superpunk gern vor, „altmodisch“zu sein, aber es ist nichts Altmodisches daran, die Gesundheitsreform zu kritisieren – zumal es auf so elegante Weise geschieht. Aber der Kampf für das bessere Leben macht manchmal müde: „Alles ist trist“, sagt Carsten Friedrichs hier einmal vor dem Hintergrund einer wirklich nicht so erbaulichen Backstage-Kulisse. Doch prompt reißt Kollege Jürgens den Sänger dadurch aus der Lethargie, dass er ihm ein irres HSV-Fan-Gespräch aufzwingt, in dem es um ein Spiel gegen Nürnberg im Jahr 1922 geht! Die angewandte Psychologie der Gang. Je länger man sich diese CD/DVD zu Gemüte führt, um so schwerer fällt es zu entscheiden, wer oder was diese Band ist. Fußballfans? Vinylfetischisten? Nerds? Die Fab Four plus 1? Politaktivisten? Dandys? Möchtegernproleten? Die Pächter des Bodenstands? Mods? Soulboys? Punks? Die guten Menschen von Hamburg und München? Ganz oft ja. Aber vor allem sind sie natürlich: ein Ohrensessel.
(Mario Lasar)

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