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1993/ Anfang 1994:
Bandgründung von Tocotronic (benannt nach einem Gameboy-Vorläufer) durch die Hamburger Punkmusiker Jan Müller (Bass) und Arne Zank (Schlagzeug) – beide ex- Meine Eltern/ Punkarsch – und den aus dem Badischen zugezogenen Gitarristen und Sänger Dirk von Lowtzow. Erste Auftritte in Hamburg führen dazu, dass in Hamburger Kneipen zunehmend der Name Tocotronic gewispert wird. Junge Menschen finden eine Lieblingsband: der Enge-Werbe-T-Shirts-Trainingsjacken-Cordhosen-Stil wird gewürdigt, die Höflichkeit der Ansagen bewundert. Tocotronic-Zeilen finden sich auf Häuserwände gesprüht und in Schulbänke geritzt. Der Fanclub ‘Megatronic’ wird gegründet.

1994:
Die erste Tocotronic-Single erscheint auf dem bandeigenen Rock-o-tronic-Label: Vier Lieder, kompromisslos im Zwei-Spur-Verfahren im Proberaum aufgenommen, bei denen nicht stört, dass man die Texte stellenweise nicht versteht, da die Lieder so viel Energie und Melancholie zugleich in sich tragen. Jochen Distelmeyer von Blumfeld schnappt den Songtitel “Ich Möchte Teil Einer Jugendbewegung Sein” von Tocotronic auf und baut ihn in den Song ‘Sing Sing’ ein. Dirk singt ihn auf Blumfelds LP. L`Age D`Or übernimmt den Versand der Single und des Jugendbewegungs-T-Shirts. Erste Tourneen mit 5 Freunde und Blumfeld folgen. Christoph Gurk stellt die Tocs in Spex vor, Fanzines bejubeln die Single.

1995:
”Digital ist besser”, ihre Debütplatte, auf die sich vor einem Jahr nahezu jeder einigen konnte, stellt in seiner räudigen Unmittelbarkeit das wahrscheinlich beste Stück deutschsprachiger Popmusik ever dar.” (Chelsea Chronicle 6/96)

Die in wenigen Wintertagen im Soundgarden-Studio aufgenommene erste LP/ CD erscheint bei L`Age D`Or und setzt einen Meilenstein des Underground-Pop in Deutschland. Treibend punkiges Sloganeering (Jugendbewegung, Masterplan, Digital Ist Besser) und vergrätzte Abgrenzung von deutscher Alltagskultur (Freiburg, Samstag Ist Selbstmord, Hamburg rockt) treffen einen Nerv sowohl bei Pop-Intellektuellen, die darin den Ausdruck einer neuen Generation sehen, als auch bei eben dieser Generation, jungen Menschen, die sich mit Tocotronics Wut identifizieren können, aber auch bewegt sind von der leicht sentimentalen Melancholie von ”Drüben Auf Dem Hügel”, ”Letztes Jahr Im Sommer”, oder dem wunderbaren ”Die Idee Ist Gut, Doch Die Welt Noch Nicht Bereit”. Dass die Platte so trashig hingerotzt klingt und doch die Melodien so eingängig sind, verstärkt den Eindruck, den sie macht. Und wem das nicht weird genug ist, der hat ja noch die wirr-jaulend-sympathische Songvignetten von Schlagzeuger Arne

Nach einer 14-tägigen ”Headline-Tour” (Powerline) im deutschsprachigen Raum und einigen Festivals im Sommer erscheint nicht nur Arne Zanks Cassette “Die Mehrheit Will Das Nicht Hören, Arne” (Eigenvertrieb), sondern zum Erstaunen aller Beobachter bereits im Juli das zweite (Mini-) Album der Tocs, ”Nach Der Verlorenen Zeit” auf L`Age D`Or/ RTD. Sie führt das Prinzip ”Platten machen wie Tagebuch schreiben” ein, denn auf ihr reagieren Tocotronic in selbstreflexiven Statements auf die Rezeption der Band (‘Ich Bin Neu In Der Hamburger Schule’, ‘Ich Muss Reden, Auch Wenn Ich Schweigen Muss’, ‘Es Ist Einfach Rockmusik’, ‘Hauptsache Ist’). Andererseits sind da die berührenden persönlichen Stücke über Freundschaft, wie ‘Du Bist Ganz Schön Bedient’, ‘Gott Sei Dank Haben Wir Beide Uns Gehabt’ und ‘Ich Mag Dich Einfach Nicht Mehr So’, das ganz genau den Moment beschreibt, an dem Zuneigung in Langeweile übergeht. Danach folgt das erste Gitarrensolo in der Toco-Geschichte.

Im August folgen fünf Auftritte mit Guided By Voices, u.a. bei der Popkomm; im November dann eine achttägige Tour durch kleinere deutsche Städte, wobei es in Potsdam vor Begeisterung zu einer Bühneninvasion kommt. Dazu erscheinen zwei 7”-Singles: “Du Bist Ganz Schön Bedient/ You Are Quite Cool” beinhaltet die Hits ‘Bedient’ und ‘Die Idee Ist Gut, Doch Die Welt Noch Nicht Bereit’ in englischen Übersetzungen zwischen Mittelstufenenglisch und kongenialer Übertragung pendeln (aus “Straciatella oder Nuss” wird “Cujamara Split”). Die andere Single ist eine Konzeptplatte: Das Stück ‘Freiburg’ (plus drei andere), von dem aus Freiburg weggezogenen Dirk geschrieben, live aufgenommen im Freiburger ‘KTS Vauban’ und veröffentlicht vom Freiburger Label Ritchie Records.

1996:
Die Leser der Zeitschrift Spex wählen Tocotronic zum besten Newcomer 1995 und zur drittbesten Band überhaupt. Für die Hörer von Klaus Walters Radiosendung “Der Ball Ist Rund” auf HR 3 ist “Digital Ist Besser” die Platte des Jahres. Erstes Radio-Airplay in den Niederlanden wird kaltblütig ausgenutzt, indem eine Holland-Kurztournee organisiert wird. Mit Chokebore geht es dann auf Tour durch Süddeutschland, Österreich und die Schweiz. Dazu erscheint in Zusammenarbeit von L`Age D`Or und Amphetamine Reptile eine Tocotronic/ Chokebore-Splitsingle mit einer rockigeren neuen Version von “Gott Sei Dank Haben Wir Beide Uns Gehabt”.

“Einfach Rockmusik” ist das nicht mehr. Eher ein waghalsiger Selbstversuch, der auch mit der erfolgsträchtigen Niedlichkeitsoffensive des Jungens-Trios ins Gericht geht. Das Sloganeering ist zurückgeschraubt- wer die Band liebt, soll ihr auch an die Ufer schlammiger 8-Minuten-Stücke folgen. Insofern also doch ein schülerhafter Schrei nach Gerechtigkeit, aber einer, der bewusst mit seinen beschränkten, mittelständischen Mitteln hausieren gehen muss. ”Wir kommen um uns zu beschweren” ist ein historischer Kompromiss.” (Taz, 2.4.96)

Die im Dezember im Hamburger Soundgarden-Studio von Christian Mevs und Carol von Rautenkranz aufgenommene LP “Wir Kommen Um Uns Zu Beschweren” erscheint. Das bekannt und beliebt gewordene tocotronische Soundspektrum wird ausformuliert und zugespitzt. Wenn man Punk-Pop-Songs spielen mag, dann brauchen die auch nicht länger als zwei Minuten zu sein. Und wenn man so eine richtige Rock-Schwarte spielen will, dann müssen die Gitarren auch sieben Minuten Zeit haben, um Dinosaur-Soli aufeinanderzuschaufeln. Auch in den Texten wird mächtig ausdifferenziert: Ein persönliches, trauriges Stück wie “Ich Möchte Irgendwas Für Dich Sein” braucht nur zwei Zeilen Text; der mitlaufende Kommentar zur Rezeption der Band wird wieder mitgeliefert (“Ich Werde Mich Nie Verändern”, “Jetzt Geht Wieder Alles Von Vorne Los”), Hass und Sloganeering nicht vergessen (“Ich Verabscheue Euch Wegen Eurer Kleinkunst Zutiefst”), und mit “Ich Heirate Eine Familie” und “Schritte Auf Der Treppe” hat die Melancholie und Unsicherheit des Erwachsenerwerdens ihren Platz. Die Klippe des dritten Albums, an der schon einige Hamburger Hoffnungsträger zerschellten, wird sicher umfahren, dank der nonchalanten Herangehensweise an das Musikmachen, die an US-College-Bands erinnert.

“Wir Kommen Um Uns Zu Beschweren” steigt in die Album-Charts ein und verbringt dort einige Wochen. Die höchste Plazierung ist #47 am 30. April. Konzerte auf der zweiwöchigen Tournee müssen in größere Hallen verlegt werden. Im Sommer folgen die üblichen Wochenendausflüge zu Festivals, sowie ein Benefizauftritt für den in Berlin überfallenen Universal-Congress-Of-Gitarristen Joe Baiza. Unter der Woche beginnen die Arbeiten an Songs für das vierte Album.

Im August eröffnen Tocotronic die Theatersaison in der Berliner Volksbühne. Das erste Konzert ist bereits nach wenigen Stunden ausverkauft, so dass flugs ein Zusatzkonzert organisiert wird, bei dem auch keine Plätze frei bleiben. Beim Bizarre-Festival in Köln sind die Tocs die umjubelten Stars des Nachmittages.

Mehr diskutiert wird allerdings an diesem Popkomm-Wochenende über einen anderen Auftritt von Tocotronic: Bei der “Comet”-Preisverleihungsgala des Musikfernsehsenders Viva lehnen sie auf der Bühne den ihnen zugedachten Award “Jung, deutsch und auf dem Weg nach oben” ab, nicht ohne sich vorher für die Einladung zu bedanken. Die Begründung von Jan Müller: „Wir sind nicht stolz darauf, jung zu sein. Und wir sind auch nicht stolz darauf, deutsch zu sein.“ Die Band hatte sich erst nach langen Diskussion im Vorfeld zu diesem Vorgehen entschlossen, wobei es wichtig erschien, sich einerseits für die Respektsbezeugung höflich erkenntlich zu zeigen, andererseits aber die Ablehnung des Einsortiertwerdens in Kategorien wie “jung” und “deutsch” deutlich abzulehnen. Und außerdem wollte Jan unbedingt seine Helden Kiss sehen, die dort auftraten.

Abgeschlossen wird das ereignisreiche Jahr mit einer Tour durch kleinere deutsche Städte – mit etwas unangenehmen Begleitumständen: Jan wird krank und tritt mit Fieber auf, dazu schlägt das schlechte Wetter auf die Stimmung (“Einmal waren wir fast eingeschneit.”)

1997:
Das neue Jahr läuten die Tocs mit einem Auftritt bei dem von L’Age D’Or mitveranstalteten Rock & Rave-Festival in der Hamburger Markthalle ein. In den Leserpolls der Musikzeitschriften sind Tocotronic auch diesmal gut plaziert: Die Leser von Spex wählen sie zur viertbesten Band und zur drittbesten Show. Im Rolling Stone landen sie auf Platz 6 in der Kategorie “Beste Band-National” und aus den monatlichen Lesercharts von Visions und Intro sind die Tocs kaum wegzudenken.

Im Februar reisen Tocotronic nach Frankreich, um im Blackbox-Studio von Iain Burgess ihre vierte LP “Es Ist Egal, Aber…” aufzunehmen. Produzent ist diesmal Hans Platzgumer, der auch die Streicherarrangements für die Platte geschrieben hat. Toningenieur ist Peter Deimel, der “Stag” von den Melvins für die bestproduzierte Platte ever hält. Die Vorabsingle “Sie Wollen Uns Erzählen” erscheint im Juni und steigt kurz darauf in deutschen Singlecharts ein. Das Video dazu dokumentiert einen Ausflug in den Wildpark “Schwarze Berge”, passend zu den drei Enten auf dem Albumcover. Schon im Herbst stellt die Hamburger Country-oder-sowas-Band Fink eine Coverversion des Songs vor.

„Wie Nabokov fügen Tocotronic mit Liebe zum Detail manchmal auch scheinbar Unzusammenhängendes aneinander, brechen abrupt ab. Und wie Nabokov und dessen berühmtester Schüler, Thomas Pynchon, entwickeln auch Tocotronic langsam, aber stetig einen Hang zu einigermaßen absurden Phantasien.“ (Jochen Bonz, Intro)

„Es ist egal, aber“ heißt das neue Werk, wobei besonders das Komma zu beachten ist. Es markiert das spezifische Einerseits-Andererseits in der Tocotronischen Weltbetrachtungs-Poesie. Jugendliches Aufbegehren, das sofort wieder umschlägt in altkluges Achselzucken. So ist das mit dem Erwachsenwerden. (Christian Schröder, Der Tagesspiegel)

“Es Ist Egal, Aber…” erscheint im Juli. Wandel und Weiterentwicklung sind der Platte anzuhören, obgleich sie noch immer eindeutig nach Tocotronic klingt. Doch in den Texten wird Abstand genommen von der “Ich”-Litanei früherer Platten, das ”Du” kommt stärker zu seinem Recht. Die Songs sprechen von Entfremdung, von sich voneinander entfernenden Menschen, von der Sehnsucht nach Freundschaft. Im Songwriting sind gesungene und instrumentale Teile stärker ineinander verwoben, der Aufbau der Songs folgt einer Dramaturgie, die in enger Korrespondenz zum Text steht. Der Einsatz von Streichern ist das augenfälligste Ergebnis der Zusammenarbeit mit Hans Platzgumer. Dirks Gesang ist ausgefeilter denn je, in der Melodiesetzung, wie in der Phrasierung, wie auch in der Aufnahme. “Es Ist Egal, Aber…” ist der Abschied von den einfachen musikalischen Laut-Leise-Lösung; Tocotronic verfeinern den Umgang mit ihren musikalischen Mitteln – manche sprechen da gern von Reife.

“Es Ist Egal, Aber” tritt einen erfolgreichen Weg in die Hitparaden an und erreicht Platz 13 in den deutschen und Platz 21 in den österreichischen Albumcharts.

Auch in diesem Sommer spielen Tocotronic auf diversen Festivals, u.a. bei dem berühmten Openair im dänischen Roskilde. Im Herbst folgt die große Tournee durch das Verbreitungsgebiet der deutschen Sprache – so lange am Stück wie noch nie zuvor. Das hat die von vielen Bands gefürchteten Auswirkungen der Routine: “Ich hatte das Gefühl, wir funktionieren auf Knopfdruck”, erinnert sich Dirk und meint das durchaus auch wörtlich: Der Entschluss reift, den Verzerrer zukünftig wegzulassen. Eventueller Überdruss wurde aber gemindert durch eine weitere Freundschaft zu einer amerikanischen Band: Fuck. Ein Ergebnis davon ist die Coverversion von “Alles Was Ich Will Ist Nichts Mit Euch Zu Tun Haben” auf dem Fuck-Album “Conduct”; ein anderes die Gegeneinladung an Tocotronic zu einer USA-Tournee. Die zweite Hälfte der Herbst-Tour spielten die Schweizer Lado-Kollegen Die Aeronauten mit. Zur Tour erscheint mit der Herbst-Hymne und Neil-Young-Hommage “Dieses Jahr” eine zweite Single aus dem Album.

Zum Jahresende gibt es eine ungewöhnlich lange Probepause von drei Monaten, unterbrochen nur von einem Benefiz für den Golden Pudel Club. Jan und Arne nutzen die Zeit, um das Rock-o-Tronic-Label wiederzubeleben: Sie produzieren das Debüt der jungen Grungeband Jonas aus Bad Bentheim, das schließlich an L’Age D’Or lizensiert wird. Arne dreht außerdem einen Filzlegetrickfilm, Dirk schreibt die Musik für einen ungarischen Spielfilm.

1998:
Die Leserpolls der Musikzeitschriften belohnen das Schaffen von Tocotronic erneut mit guten Plazierungen: Im Visions belegen sie in der Kategorie “Beste Band” Platz 9, in “Bestes Konzert” Platz 3, und “Es Ist Egal, Aber” ist Nummer 6 bei den Alben des Jahres. Auch für die Leser von Spex sind Tocotronic die neuntbeste Band, das Album erreicht Platz 16 und das Video zu “Dieses Jahr” Platz 9 bei den Clips. Die Leser des Rolling Stone wählen “Es Ist Egal, Aber” auf 25 bei den Alben und “Sie Wollen Uns Erzählen” auf 26. Und im Intro gibt es Platz 2 bei den Bands, 3 bei den Live-Acts, 6 bei den Alben

Tocotronic kehren zurück in den Übungsraum und proben im Sitzen. Neue Stücke entstehen, zunächst mit dem Plan, eine sehr ruhige Platte zu machen, die durch längere Texte unaufdringlicher wirken soll, deren Ich ein eindeutig lyrisches und kein autobiografisches sein soll. Doch Cornershops Zwei-Akkorde-Hit „Brimful Of Asha“ bringt die Band von der durchgängigen Ruhe ab, auch Stücke wie „Let There Be Rock“ sind erlaubt.

Im März wird die Gegeneinladung von Fuck angenommen: Tocotronic gehen mit ihnen auf US-Tour. Und zwar nicht durch Goethe-Institutssäle, sondern durch ganz normale Rockclubs in Städten wie Chicago, Detroit, Philadelphia, Washington oder New York, wo bei am Abschlusskonzert mit Come als zusätzlicher Band Indie-Rock-Prominenz von Pavement und Sonic Youth gratulieren kommt. Zur Tour erscheint nicht nur ein Song auf einer CD des US-Fanzines „Bunny Hop“, sondern auch ein Best-of-Album für den internationalen Markt mit dem Titel „The Hamburg Years“.

Bei den Sommerfestivals wird die Bekanntschaft mit Micha Acher von Notwist intensiviert, der den Auftrag bekommt, Streicher- und Bläserarrangements vorzubereiten. Tocotronic selbst fahren im Herbst wieder ins Black Box-Studio in Frankreich. Diesmal darf aber auch Carol von Rautenkranz als Produzent des fünften Albums mitkommen, allerdings unter einer Bedingung: Er muss sein Handy zuhause lassen. Vierwöchige Aufnahmen mit dem bewährten Tontechniker und Ko-Produzenten Peter Deimel folgen. Dirk, Jan und Arne lassen sich Vollbärte wachsen, die aber zurück in Hamburg alle schnell (Arne weniger schnell) wieder abrasieren. Im November/Dezember folgen zusätzliche Aufnahmen in Weilheim (Bläser und Streicher, arrangiert von Micha Acher, im Uphon-Studio) und Hamburg (Keyboards mit Stellas Thies Mynther und Overdubs im Soundgarden-Studio) – insgesamt dauern die Aufnahmen 70 Tage, ein klarer Rekord für Tocotronic.

Anfang 1999:
Huch, keine Pollergebnisse! Erstmals seit „Digital ist besser“ ist ein Jahr ohne neues Tocotronic-Album vergangen. Doch das nächste wird schon im Soundgarden abgemischt und bekommt den Namen „K.O.O.K.“ – Jan findet derweil Zeit, das zweite Album von Jonas für Rock-o-Tronic zu produzieren. Die Band probiert die neuen Stücke auch auf der Bühne aus, bei einzelnen Konzerten in Kopenhagen, Amsterdam, Wien und Belgien (dort mit To Rococo Rot, was sich natürlich auf den Plakaten sehr gut macht).

Mai/Juni 1999:
Nun kehren Tocotronic auch auf deutsche Konzertbühnen zurück – und zwar mit sehr kontrastreichen Auftritten: Bei Rock im Park/ am Ring (nachmittags auf der großen Bühne), einem Antifa-Festival in Greifswald, sowie mit ihrer eigenen Theater-Tournee. Der Hintergrund ist, dass der Band die Konzerte in der Berliner Volksbühne immer großen Spaß machten. Außerdem sollen ja diesmal überwiegend Stücke zur Aufführung gelangen, die das Publikum noch nicht kennt – die Theatersitze sollen zum entspannten Zuhören einladen. Der Erfolg der Auftritte steht und fällt etwas mit der Atmosphäre der Theater, besonders die Volksbühne und Hamburgs Schauspielhaus wissen zu gefallen. Im Sendesaal des ORF in Wien kommt es zu amüsanten Schwierigkeiten der Rundfunktechniker mit der Klangübertragung: Immer neue Mikrofone werden vor Dirk aufgebaut.

Wie erhofft, kommt bei den Theaterkonzerten das neue Lied „Let There Be Rock“ besonders gut an, denn es wird auch die Vorabsingle zu „K.O.O.K.“ und steigt im Juni auf Platz 38 in die deutschen Singlecharts ein. „Let There Be Rock“ löst sofort hitzige Debatten aus, wegen des in Gibraltar gedrehten Videos, der AC/DC-Hommage im Titel, vor allem aber weil die Keyboard-Fanfare aus „Final Countdown“ von Europe zitiert wird.

Juli/August 1999:
„K.O.O.K.“ erscheint. Tocotronic hatten einen langen Nachdenkprozess an den Anfang der Arbeit an diesem Album gestellt. Das Ergebnis: Keine Hass-Lieder mehr, kein Punk-Pop, nicht mehr Identifikations-Dienstleister sein. Die Sprache der Songtexte ist bildhafter, verrätselter, weniger direkt, aber dafür bleibend schöner. Und trotzdem kommen dabei Zeilen und Titel heraus, die sich in Alltagssituationen der Hörer einmischen: „Wir sind raus, und wir sind stolz darauf“, „Das haben sich die Jugendlichen selbst aufgebaut“, „Das Unglück muss zurückgeschlagen werden“. Die überwiegende Zahl der Lieder ist im Midtempo gehalten, ihre Länge lässt viel Platz für Streicher-, Bläser-, Synthesizer-Arrangements. Letztes Mal fiel das Wort „reif“, diesmal fällt das Wort „erwachsen“. Mancher Stagediver mag enttäuscht sein, andere entdecken erstmals, dass Tocotronic eine Band ist, die ihnen etwas in ihrem Leben sagen kann

Das Album steigt auf einem hervorragenden 7. Platz in die deutschen Charts ein und hält sich fünf Wochen unter den Top 50. In Österreich ist es sogar noch eine Woche länger, die höchste Position ist Platz 18.

Parallel sind Tocotronic auch in diesem Sommer wieder auf Festivals unterwegs, kreuz und quer von Losheim bis Puch, von Haldern bis Wiesen, von Erfurt bis zum Bizarre in Köln. Zwischendurch spielen sie auf einem LKW-Anhänger, um gegen einen Nazi-Aufmarsch in Hamburg zu mobilisieren. Oder entern als Alsterpiraten das Vorprogramm eines Konzerts von Tomte in Hildesheim.

Oktober/November 1999:
Tomtes Sänger und Gitarrist Thees Uhlmann begleitet Tocotronic auf ihrer Tournee als Gitarrenroadie – und als Chronist: Sein Tourtagebuch wird zunächst auf der offiziellen Website von Tocotronic (www.tocotronic.de) veröffentlicht und erscheint später im Ventil-Verlag in Buchform, unter dem Titel „Wir könnten Freunde werden“. Das Buch gibt einen anekdotenreichen und herrlich distanzlosen Einblick in das Tourleben von den nun meist ganz in schwarz gekleideten Tocs, besonders während der aus zwei 14-tägigen Blöcken bestehenden Herbsttour 1999. Im Vorprogramm spielen in der ersten Tourhälfte die Finnen And The Lefthanded, in der zweiten die Kanadier Weakerthans. Dirk erinnert sich an eine „sehr gute Stimmung“, die unterwegs herrschte; die Atmosphäre sei sehr angenehm gewesen, ein Verdienst auch von Tourmanager Michael Bugmann. Nach dem ersten von zwei Konzerten im Wiener Planet Music eilt Dirk noch ins Flex, um dort für ein Lied mit der Berliner Band Britta auf der Bühne zu stehen.

Ende November schafft es auch die zweite Single aus „K.O.O.K.“ in die deutschen Singlecharts (wenn auch nur gerade so): „Jackpot“ überrascht mit Remixen von den Kölner Kompakt-Leuten Tobias Thomas & Olaf Dettinger und von Fischmob & Erobique. Ein Vorgriff auf das kommende Remixalbum, für das Jan und Arne bereits Kontakte knüpfen.

Am Ende des Jahres läuft der Plattenvertrag mit Motor Music aus. Die Band vergleicht zusammen mit L’Age D’Ors Carol von Rautenkranz die Angebote und unterschreibt schließlich bei Zomba.

Anfang 2000:
In diesem Jahr sind Tocotronic zurück in den Zeitschriftenpolls: Das Album „K.O.O.K.“ schafft es bei den Lesern von Spex auf Platz 3, vom Rolling Stone auf 11 und vom Visions auf 18. Für die Kritiker des Rolling Stone ist es das zehntbeste Album, bei den Kritikern des Musikexpress gibt es Platz 26. Die Spex-Kritiker wählen die Single „Let There Be Rock“ auf Rang 11 ihrer Endabrechnung, bei den Spex-Lesern ist es sogar die Nummer 4, für die Musikexpress-Leser die 10.

Dirk tritt im Februar zusammen mit dem Wiener DJ DSL am Vorabend einer der regelmäßigen Donnerstagsdemos auf, die zum Protest gegen die Regierungsbeteiligung von Jörg Haiders FPÖ durch Österreichs Hauptstadt ziehen. Einen Monat später fliegt die ganze Band in die USA, spielt dort eine Radiosession für ein Chicagoer Collegeradio, beim South-By-Southwest-Festival in Austin, sowie im Brownies im New Yorker East Village (zusammen mit Stella). Aus Anlass dieser Amerikareise wird „K.O.O.K.“ in einer Version mit ins Englische übersetzten Texten veröffentlicht. Tocotronic-Platten werden in den USA von Triage vertrieben. Der holländische Vertrieb ist Konkurrent, und in Holland spielen Tocotronic dann auch im April, seltsamerweise auf einem Festival namens „London Calling“ im Amsterdamer Paradiso. In Paris entsteht das Video zur Vorabsingle aus dem Remixalbum, „Freiburg Version 3.0“, in dem der Interpretenname Tocotronic vs. Console verkörpert wird: Die drei Tocs kämpfen in Superheldenkostümen gegen den Bösewicht Console. „Es war wahnsinnig anstrengend“, schnauft Dirk noch in der Erinnerung. Martin Gretschmann alias Console nahm eine Neufassung des Tocotronic-Klassikers „Freiburg“ auf, im Stile seines Hits „14 Zero Zero“ mit englischem Computergesang.

Sommer/Herbst 2000:
Ende Juli erscheint bei L’Age D’Or/Zomba das Album „KOOK Variationen“. Angeregt vom wachsenden persönlichen Interesse an elektronischer Musik, haben Tocotronic das Projekt in Angriff genommen. „Gerade nach der langen Arbeit an &Mac226;K.O.O.K.‘ waren wir neugierig darauf, was andere daraus machen“, erinnert sich Jan. Teilweise fragten Elektroniker von selbst an, teilweise fragten Tocotronic persönliche Bekannte, teilweise wurden Kontakte über Lado hergestellt. Die Auswahl der Tracks übernahmen hauptsächlich Jan und Arne. Sie sorgten für ein breites Stilspektrum, von Beinahe-Coverversionen (Dakar & Grinser, Justus Köhncke) über eher klassische Remixe (Thomas & Dettinger, Egoexpress, Turner) bis hin zu radikaleren Verfremdungen (Funkstörung, Fever) – und da ist DJ DSLs erstaunliche Bar-Version von „Let There Be Rock“ noch gar nicht erwähnt.

Den typischen Problemen von Remixalben zum Trotz (nie wird jemand alle Versionen gleich gut finden), finden die „KOOK Variationen“ ein überwiegend positives Echo und steigen auch auf Platz 82 in die deutschen Albumcharts ein.

Den Rest des Jahres gibt es nur noch vereinzelte Live-Auftritte – zum einen Benefiz-Konzerte wie in der Roten Flora für die Jungle World oder in Magdeburg gegen rassistische Gewalt; zum anderen bei Festivals wie etwa dem „20 Jahre Spex“-Abend zur Eröffnung der Popkomm, bei dem Rick McPhail sein Debüt als Tourkeyboarder gibt. Rick ist ein langjähriger Freund von Dirk, stammt ursprünglich aus den USA, lebt aber schon lange in Deutschland und spielt in der Band Venus Vegas, die zuletzt eine EP namens „Gold“ bei Fanboy Records/EFA veröffentlicht haben. Und Tomte haben ihm schon 2000 ein Lied gewidmet, den „Rick McPhail Song“. Mit Rick können die ausgefeilteren Arrangements der neueren Platten live besser umgesetzt werden; bei Studioaufnahmen ist er aber nicht dabei.

Ins Studio nistet sich die Band ab August ein – dem Electric Avenue von Tobias Levin, zum Proben von neuen Songs, die diesmal gleich im Studio entwickelt werden sollten.

2001:
In den Polls ist diesmal hauptsächlich die „Freiburg“-Version von Console platziert – bei Spex sind sich Leser (Platz 3) und Kritiker (Platz 5) fast einig. Die Redakteure der BR-Radiosendung „Zündfunk“ wählen die Single auf Platz 8 ihres Jahresrückblicks. Und für die Hörer von „Der Ball ist rund“ im HR ist „Freiburg“ die Nummer 8 und Justus Köhnckes Version „Tomorrow Will Be Like Today“ sogar die Nummer 6 unter den Singles des Jahres.

2001 machen sich Tocotronic in der Öffentlichkeit rar. Kein einziger Liveauftritt in Vollbesetzung, nur bei vereinzelten, mehr oder weniger unangekündigten Soloauftritten von Dirk sind schon die neuen Lieder zu hören, deren Aufnahme die Hauptbeschäftigung des Jahres ist. Nach den Proben finden von Mai bis Dezember auch die Aufnahmen im Hamburger Electric-Avenue-Studio statt; Produzent ist Tobias Levin (der mit Cpt. Kirk & u.a. für das großartige Album „Reformhölle“ verantwortlich war), Engineer Thomas Maringer. Es sind die bisher aufwändigsten Tocotronic-Aufnahmen, wie ja schon aus ihrer Länge ersichtlich wird.

Neben den Aufnahmen bleibt den Bandmitgliedern aber noch Zeit für verschiedene Nebenaktivitäten. Dirk bringt gemeinsam mit Thies Mynther (Stella, Superpunk) unter dem Namen Phantom/Ghost ein Album mit elektronischer Popmusik bei Ladomat heraus. Phantom/Ghost treten auch in Clubs auf, z.B. auf der Operation-Pudel-Tour, dem Viva-Zwei-Abschied, zwei Spex-Datapop-Abenden und der Intro-Jubiläumsfeier. Dabei genießt Dirk, die Hände frei zu haben und wirft sich in Discodiva-Posen. Right Said Freds „You’re My Mate“ ist der regelmäßige Abschluss.

Daneben ist Dirk auch journalistisch tätig: Schon seit 1999 schreibt er Ausstellungskritiken für „Texte zur Kunst“, wo auch ein Interview mit dem italienischen Horrorfilmregisseur Dario Argento erscheint, das wiederum die Basis bildet für einen Vortrag an der Hamburger Kunsthochschule im Rahmen der Gastprofessur von Cosima von Bonin. Ein Interview mit dem Science-Fiction-Künstler Chris Foss (von dem auch das Cover-Motiv für „K.O.O.K.“ stammt) erscheint in dem Suhrkamp-Band „Sound Signatures“, herausgegeben von Jochen Bonz. Und schließlich inszeniert Angela Richter beim Theaterfestival „Dramatik 01“ in Hannover das Stück „Alles wird in Flammen stehen“, das aus Songtexten und Interviewaussagen von Dirk besteht, sowie aus übersetzten Interviewaussagen von skandinavischen Satanistenbands.

Jan gründet Das Bierbeben, zusammen mit Rasmus Engler, dem Schlagzeuger der Band Gary. „Eine Liebhabersache“, sagt Jan selber dazu. Anfang 2002 erscheint bei Rock-o-Tronic die 7“-Single „Die Birne Ist Reif“ mit Coverversionen der Deutsch-Punkbands OHL, Junge Front und Schleimkeim, sowie dem Titelsong, einer Eigenkomposition. Ziel war im Design eine möglichst originalgetreue Nachahmung der Covergestaltung des Rock-o-Rama-Labels zu erreichen. Die unfreundlichen Texte werden von freundlichen Frauenstimmen gesungen – man darf vielleicht Art-Punk dazu sagen. Zuvor hatte Rock-o-Tronic bereits 2000 das Album „Die Schleife“ vom Rudolf Brauer Sextett veröffentlicht.

Im Zeichen von Jans Punkvergangenheit steht auch sein Auftritt in dem Dokumentarfilm „So jung kommen wir nicht mehr zusammen“. Die Regisseurin Vera Vogt spürt darin den Lebensläufen von vier früheren Freunden aus Hamburger Punktagen nach – und einer davon ist eben auch Jan.

Arne produziert weiterhin zuhause am Computer Musik – elektronische Instrumentals, von denen das Stück „Sweet Bird Of Youth“ auf der Ladomat-Jubiläumscompilation „Ladomat 100“ erscheint. Sein Comicstrip „Die Vögel“, der seit 1997 in der Kölner StadtRevue erschien, endet im November. Dafür ist Arne seit dem Herbst an der Programmgestaltung der Hamburger Off-Galerie Hinterconti beteiligt.

Seltsames geschieht derweil auf der Stil-Seite der FAZ: Der Redakteur Klaus Ungerer wählt für Artikelüberschriften regelmäßig Tocotronic-Textzeilen aus. Die Band ist zwar geschmeichelt, aber die ganze Sache ist den Tocs auch etwas peinlich.

2002:
Für die Poll-Ausbeute ist in diesem Jahr Phantom/Ghost alleine zuständig: Die Single „Perfect Lovers“ kam auf Platz 9 der Intro-Kritikerliste und auf 39 im Spex-Leserpoll. Die Spex-Kritiker wählten das Album auf Rang 40. Den Vogel schossen aber wieder die Radiohörer von „Der Ball ist rund“ ab: Platz 6 fürs Album und Platz 5 für den Song „Phantoms & Ghosts“!

Im Soundgarden-Studio wird derweil das neue Tocotronic-Album abgemischt von Mikael Illbert, der schon für Roxette gearbeitet hat, aber trotzdem ein Netter sein soll. Auch ein Titel wird gefunden – nach etwas Hinundher heißt die Platte einfach „Tocotronic“.