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Wir müssen uns Arne Zank, Dirk von Lowtzow und Jan Müller als glückliche Menschen vorstellen. “Tocotronic”, das neue Album ihrer gemeinsamen Band Tocotronic, lässt gar keinen anderen Gedanken zu. Denn ein verwunderlicher Optimismus durchströmt die neuen Songs. Gleich zu Beginn dringt Dirk von Lowtzows Stimme ganz nah an unser Ohr: “JA! / Das ist jetzt / Der einzige Zweck!” Seine Stimme drängt sich ganz weit nach Vorne, so als wolle sie das ganze Geröll der Geschichte beiseite drücken, um ins euphorische Jetzt zu gelangen. Eine neue Geschichte beginnt. Und wir alle werden mit offenen Armen empfangen. Wundervoll! Das macht Laune!

Nie zuvor wurde eine Tocotronic-Platte mit derartigem Aufwand aufgenommen; geschlagene eineinhalb Jahre haben die Drei in Tobias Levins “Electric Avenue”-Studio verbracht. Die Muße musste sein: Nicht bloß die selbstbewusst tautologische Singleauskopplung “This Boy is Tocotronic”, jeder einzelne der dreizehn Songs erstrahlt unfassbar hell, lichtdurchflutet und uplifting. Jeder einzelne von ihnen ist auf seine Weise der “wenn auch winzige Raum einer Bejahung” (Roland Barthes) – prall gefüllt mit Gefühlen, Gedanken, privaten und öffentlichen Gags.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Tocotronic gestatten sich weiterhin die Verweigerung. Die Orte, an die uns diese Platte führt, sind keine Locations regressiver Affirmation. Im Gegenteil – mehr als jede frühere Tocotronic-Platte konfrontiert “Tocotronic” den Hörer mit den Grenzen des Verstehens und den Verwirrungen des Sich-nicht-Auskennens. Die Texte und Töne zeigen viel, verhüllen aber noch mehr und legen wenig offen. Das sechste Album der Hamburger Band ist deshalb auch als ein weiterer Schritt aus dem bekannten Indierock-Kosmos zu verstehen (dessen Erfahrungen aber weiterhin aufgehoben werden, eine Verleugnung der eigenen Nörgeligkeit findet nicht statt).

Zwar bannt noch so manche Zeile die Existenz in grandiose Parolen, doch mit agitatorischer Buchstäblichkeit ist definitiv Schluss. An einer lustigen Stelle teilt uns von Lowtzow dies eindringlich, ja fast schon verzweifelt mit “Eines ist doch sicher / Eins zu Eins ist jetzt vorbei!” Eine verflixte und verschwenderische Multitude von Bedeutungen, Sounds, Referenzen und Behauptungen prägt die Klang- und Sprachbilder auf “Tocotronic”. Was sich bei K.O.O.K. schon andeutete, die Streuung der Einflüsse, setzt sich nun fort. Auf engstem Raum treffen Bowie/Roxy Music-Glam, gedehnter Postpunk à la The Fall, Prefab Sprout-Melancholie, Buzzcocks/Undertones-Zackigkeit, Jam-Modismus, Soft Machine-Fransigkeit, Morrissey-Entrückungen, Italo-Progrock, Madchester-Grooves und noch vieles mehr aufeinander. Das Album klingt aber nicht allein schon wegen dieser Bezüge so ermutigend gelungen. Entscheidend ist das Wie: Anstatt als öde Beweise einer beflissenen Hipness zu dienen, gebraucht die Band sie als Material für unvorhergesehene Wandlungen und Wanderungen. Jeder Song ist ein Trip, eine ‘Freakscene’ voller tückischer Verschachtelungen und Umwege. Dem Produzenten/Arrangeur Tobias Levin und seinem Kompagnon Thomas Maringer ist es (kon-)genial gelungen, diese fortwährenden Brüche und Spielverlagerungen in eine kompakte und tighte Fassung zu bringen. Nie geht im Wechselspiel von körperlichem Ausbruch und geistiger Abstraktion die Genauigkeit verloren. Nur durch die geduldige, schier manische Vertiefung, mit der Band und Produzent die Töne trätierten, konnte diese Balance aus Spontaneität und Spekulation entstehen. Immer da, wo man es nicht erwartet, nistet sich in den Makrostrukturen plötzlich ein Eindringling ein – sei es der verfemte Klang einer Eddie van Halen-Gitarre (in “This Boy is Tocotronic”), ein kaum vernehmbarer Acid House-Quieckser (in “Das Böse Buch”), eine an Coldplay gemahnende Kopfstimme (in “Wolke der Unwissenheit”) oder ein heimlich angedeuteter Technogroove (in “Free Hospital”).

Coldcut, Coldplay & Co…. – natürlich kann die Suche nach historischen Pfaden dieser Platte nicht gerecht werden! Denn im Kern zeichnet sich “Tocotronic” durch eine ungeahnte artistische Autonomie aus. Sowohl Gesang als auch Instrumentierung haben sich von einer bestimmten Poprealität und geschichte gelöst. IndierockBezüge sind zwar immer gegenwärtig, nunmehr aber bloß noch verwischt und gebrochen, gleichsam wie hinterm Milchglas zu erkennen. Man muss ja nicht gleich “Art Rock” dazu sagen, wie manch ein Studio-Paparazzo im Vorhinein, vielleicht wäre “Progressive Punk” passender. Die Marketingstrategen werden schon ein Label finden, denn Verdinglichung besteht immer.

Auch im Binnen, im Verhältnis von Stimme und Instrument, vollziehen sich Individualisierung und Ausdifferenzierung auf subtile aber doch unüberhörbare Weise. Nie war Arne mehr Schlagzeuger, nie war Jan mehr Bassist und nie war Dirk mehr Sänger und Gitarrist. Denn Dirk von Lowtzows Gesang und die anderen Klangkörper gehen ihre eigenen Wege, bilden je eigene Enklaven, überschneiden sich für Momente und gehen dann wieder auseinander. In “Dringlichkeit besteht immer” bilden der flächige, kristallin-überbeleuchtete Sound und die quetschig gepresste, klaustrophob Negri/Hardt herbeizitierende Gesangzeile (“Hier ist das Imperium”) eine widersprüchliche Gemengelage. Eine ähnlich wahnwitzige Vermischung von Gegensätzlichem vollzieht sich in “Wolke der Unwissenheit”, wenn der karg minimierte Gitarrensound und die wie aus dem Off erklingenden Choralgesänge zueinander finden. Durchgängig kommt es auf “Tocotronic” zu solch unwahrscheinlichen Begegnungen. Die flüchtige und doch dichte Einheit aus Gesang, Gitarre, Piano, Synthie, Schlagzeug, Samples und einem (diesmal verdammt auffälligen) Bass wäre ohne Tobias Levins Vermittlungsarbeit wohl kaum denkbar gewesen. Er überführt die scheinbare Zufälligkeit in mitreißende Minidramen.

Finesse und eine vielfach erhöhte Unabhängigkeit kennzeichnen aber nicht bloß Klang und Gesang. Auch von Lowtzows Textpoesie ist abstrakter und metaphorischer geworden. Gelegentlich immer noch sympathisch gestelzt, koppelt sich sein Duktus unverhohlen von konkret erlebten Lebenswelten und einer eventuell vorhandenen Nachbarschaft ab. In einem behaglichen Kneipen-Konkretismus kann man es sich hier kaum einrichten, zu sehr strotzt das Textgeschehen vor abstrakten Metaphern. Die meisten Songs handeln von “anderen Räumen”; wiederholt und immer wieder werden Metaphern des Visuellen und Topografischen aufgerufen: ‘Blicke’, ‘Räume’, ‘Muster’, ‘Bilder’, ‘Zimmer’, ‘Umrisse’, ‘Flimmern’ und ‘Schatten’ kommen verschiedentlich variiert und kombiniert vor. Dieser visual turn kommt aber nicht aus dem Nichts, er hat mit biografischen Prägungen der Band zu tun: Arne Zank ist Comiczeichner und neuerdings Galerist, Dirk von Lowtzow betätigt sich als seriöser Kunstkritiker und Jan Müller wuchs einst in einem modernistischen Bilder- und Skulpturenpark auf. Zwar sind die Bildstudien hochgradig abstrakt, stets wird aber – nicht zuletzt durch das, was die Musik sagt – die existentielle Dimension des Blickens deutlich gemacht. “Ich merk es genau, doch kann es kaum glauben/Wir werden verwundet durch das was wir sehen”, heißt es in “Free Hospital”

So wie auch jedes Bild für immer interpretationsbedürftig bleibt, so entzieht sich auch dieses vielschichtige Album einer finalen Deutung. Schönes lässt sich nicht zusammenfassen. Und es macht gerade die Schönheit dieser Musik aus, dass sie immer wieder etwas Neues zeigt, sich in all den Metamorphosen aber nie ein wahrer Kern offenbart. “Man kann sich selber nicht erlangen”, geht eine Stelle in “Schatten werfen keine Schatten”. In der postmodernen Figur des “Trickser” wird die Verhüllungsstrategie sogar programmatisch formuliert. Der Trickser ist ein Übersetzer, ein Agent des Künstlichen und Unauthentischen. Popmusik, ja Kunst i.A., ist immer dann gelungen, wenn ihre mehrfach codierte (Kunst-)Sprache urplötzlich und unversehens in Evidenz umschlägt und dann höchst tatsächliche und unmittelbare Regungen hervorruft. Insofern bewegt sich das vorliegende Album mit all seinen verführerischen Feinheiten nahe an der Vollkommenheit. “There is no Love in this World anymore” (Pete Shelley/Buzzcocks). Von wegen! Selten war Uneigentliches so ergreifend.

ARAM LINTZEL,
Aram Lintzel ist Journalist, Musikkritiker und politischer Berater. Er lebt in Berlin.