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Spillsbury

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Ich muss Sie daran erinnern, Mylord, dass schon die Synthesizer-Bands der achtziger Jahre (zumindest die guten) nicht wegen der Frisuren oder der kühlen Neonröhren oder der praktischen Umhänge-Keyboards dabei waren. Zugegeben, das und nichts anderes sah man damals im Fernsehen und auf den „The Face“-Titelbildern. Und seit ein paar Jahren sehen Röhren, Frisuren und Umhängedinger wieder ganz ähnlich aus, sie machen ähnliche Musik und lassen einen, nun ja, gelangweilt oder verärgert zurück. Aber wenn Sie mir nun weismachen wollen, der Witz bei der jungen Band Spillsbury sei, dass ihre Stücke gelegentlich so klängen, obwohl die zwei Spillsbury-Mitglieder mit 19 beziehungsweise 26 Jahren für ein solches Revival doch viel zu jung seien, dann entgegne ich Ihnen: Das ist entweder eine kaum durchdachte Erklärung oder nur die halbe Wahrheit.
Ich habe Spillsbury live gesehen und kann im Nachhinein nicht sagen, ob es der komplette Boden oder nur meine Knie waren, die so zitterten. Zoe Meißner, die Sängerin, erinnerte mich an die tollen, seltenen Momente, in denen Debbie Harry von Blondie richtig laut wurde, sie biss mir mehrfach ins Ohr, massierte mich mit Melodien und tanzte dazu wie ein Girl-Samurai. Tobias Asche, der Instrumentalist, ließ die Maschinen das spielen, was er ihnen vorher beigebracht hatte, und schlug den Bass so breitbeinig, um ihn einigermaßen in Zaum zu halten. Und ich schwöre Ihnen, es war genau der Bass, von dem Sie und ich immer dachten, er könne allenfalls von Synthesizer-Spezialisten programmiert werden. Es klang tatsächlich nach der New Wave des ersten Sommers, nach DAF und Grauzone. Es klang mindestens ebenso viel nach: X Ray Spex, Le Tigre, Buzzcocks, Social Distortion, Lagwagon.
Nach Gitarrengruppen, ganz recht, obwohl Spillsbury mit Fug und Recht eine elektronische Band sind. Aber ich habe auch die Single von One:Thirty gehört, den Hamburger Melodic-Punkrockern, in deren Proberaum sich Zoe Meißner und Tobias Asche im Jahr 2000 kennengelernt haben. Herr Asche machte nebenher noch Stücke auf dem Heim-PC, sonderbarerweise war das niemals Techno, sondern immer Zeug, das seine Band eigentlich auch hätte spielen können. Frau Meißner kam vorbei, schrieb mit an den Liedern und sang, dieses Mal auf Deutsch. Das wurde Spillsbury. Sagen Sie nicht Projekt dazu, es ist ein hässliches Wort. Das, was die Leute Elektronik-Getüftel nennen, würde den zwei Ungeduldigen viel zu lange dauern. Deshalb kann man auch besser dazu tanzen, eher wild, denn Herr Asche und Frau Meißner programmieren ihre Drum-Maschine ohne Rücksicht auf Bewegungsgewohnheiten. Und es ist kein hedonistisches Späßchen, sicher nicht. Hören Sie doch hin.
„Raus“ ist, nach der letzten Sommer erschienenen Spillsbury-Maxi, das Album (gemastermindet vom Lado-Hausproduzenten Chris von Rautenkranz), und Sie sollten es so anhören, wie man ein Punk-Album hört, weil nämlich die Ballade nie kommt und Sie am Ende, nach 13 splitternden Riffs und flibbernden Digital-Mustern, Oktav-Bässen, Synthesizer-Sirenen und Gitarren-Powerchords, keine bildungsbürgerliche satisfaction verspüren werden.
Sie können die Sprüche, die Frau Meißner singt, an jede Wand malen:
„Jeder kriegt den Scheiß, den er verdient“, „Ich will kein‘ Kaffee, nur noch Bier“, sogar „Soll das dein Leben sein?“ – Punkrock ist immer (erstens) vorlaut und (zweitens) weise, auch wenn er mit der Zeichensprache des elektronischen Pop operiert. Für harmonische Momente nehmen Sie „Jona“, eine Argumentation gegen das Gemütliche, oder „Bahnsteig“, ein Toben gegen die eigene Unbeweglichkeit. „Viel zu wenig Zeit, viel zu früh gefreut“, so heißt die Bilanz im Song „Ruhestörung“, und davon handelt die Spillsbury-Platte: Dass die Leute schon irgendwann anfangen, sich zu bewegen, wenn der eigene Kopf in Flammen steht.
Schlucken Sie das erstmal, Mylord. Dann sprechen wir uns wieder.
Joachim Hentschel