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Phantom/Ghost

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Da haben sich zwei gefunden, gar keine Frage. Produzent Thies Mynther (Keyboarder bei Stella und Superpunk) und Sänger Dirk von Lowtzow (bekannt durch seine Band Tocotronic) zelebrieren mit phantom/ghost ihre fast schon unheimliche Geistesverwandtschaft. Vor uns liegt “To Damascus”, ihr zweites Album nach “phantom/ghost” (2001), und wir fangen am besten hinten an, da wo nichts geschrieben steht. “Nothing is written”, diese elektronische Softrock-Minioper warnt uns – wenn auch viel zu spät: Auf dem Weg nach Damaskus gibt es keinen Wegweiser, keine schriftliche Anweisung, die uns sagt, wo’s lang geht. Statt dessen geraten wir in einen gewundenen Irrgarten aus halluzinatorischen Querverweisen und überraschenden Assoziationen. Der virtuelle Fußnotenapparat, der hier eigentlich nicht hingeschrieben gehört, verlöre sich in einem endlosen Illusionsraum. “Nothing is written” (bei dem Stück hat übrigens Justus Köhncke mitgeholfen) könnte aber auch meinen: Es fehlen die heute so beliebten dreschenden Parolen. Nix mit Electroclash also, höchstens ein bißchen Soft Cell-Schwelgerei. Für stramme 80s-Gesten sind von Lowtzow und Mynther auch viel zu dünnhäutig. Nicht umsonst huldigen gleich zwei Songs dem überempfindlichen Dandy Yves Saint Laurent, der nach eigener Aussage bereits mit einem Nervenzusammenbruch auf die Welt kam. Bei von Lowtzows schüchternem “Ach!” in “Born with a Nervous Breakdown” meint man den gegen die Stirn gedrückten Handrücken des vom Leben Überforderten vor sich zu sehen. Life’s a Mess …
Aufgrund vergleichbar lichtscheuer Verspannung flüchten sich der Marquis de Mynther und der Dunkle Fürst von Lowtzow in ein nocturnes Mysterium und steigern sich hinein in opioide Riten der Selbstauflösung. Nicht nur das wunderbar prä-psychedelische “Laudanum” handelt von Spiralen der Entrückung. Auch sonst ist “To Damascus” ein im besten Sinne anti-aufklärerisches Machwerk, in dem Geheimnisse und glamouröse Gerüchte mehr zählen als noch so seriös bewiesenes Wissen. “Secret! ... Secret!” schallt es uns in “My Secret Europe” entgegen. Die Stimme der Vernunft wird in den Wind geschlagen, selbst der stotternde Groove scheint uns was von schwarzer Romantik zu flüstern. Überhaupt das Rhythmische: Produzent Mynther hat den elektronischen, mal elegant ballernden, mal zärtlich ditschenden Beat virtuos getaktet und mit feinen Nuancen und Abweichungen versehen, so dass er von Lowtzows Stimme optimal kuratiert. Selten zuvor konnte von Lowtzow seine Stimme derart vielseitig zum Einsatz bringen – klaustrophob gepresst, dann wieder schwelgerisch sich öffnend wandelt sie durch die neun Stücke. Das Sing-Englisch wirkt dabei seltsam theatralisch, weich und überbetont zugleich.
Durch ihre verwegenen Spannungsbögen, die waghalsigen Stimmdopplungen sowie gelegentliche Cello-Begleitungen geraten die Arrangements dabei zu bittersüßen Taschenmusicals. Eine gewisse Pulp- und Scott Walker-Haftigkeit bahnt sich mitunter ihren Weg, jedoch ohne die Oberhand zu gewinnen. Denn die Songs – alle gemeinsam von Mynther und von Lowtzow verfasst – sind viel zu vieldeutig und füllig, um sich auf eine Formel verknappen zu lassen. Alles muss im Überfluss vorhanden sein! Auch die Eingängigkeit kommt nicht zu kurz: “My Secret Europe”, “Saint Lawrence” oder “Born with a Nervous Breakdown” sind Popsongs im allerbesten Sinne und “Sticky Paws” könnte sogar ein richtiger Hit werden. Mynther und von Lowtzow haben ganz offenbar nichts einzuwenden gegen maßloses Partyamüsement; phantom/ghost halten sich, anders als es der Name vermuten lässt, nicht in modrigen Schlossgruften, sondern doch lieber in schwitzigen Diskotheken auf. Ihre Auftritte an den Floors dieser Welt gehen denn auch meist in feuchtfröhliche Glitzerevents über. Trotzdem stellt sich beim Hören von “To Damascus” immer nur ein entferntes Verstehen ein. Das ist gut so, denn ein Pop-Realismus, der erzählt, wie unser Leben halt so ist, plagt uns alltäglich eh schon zu genüge. Mit “To Damascus” verlässt Pop den lähmenden Boden der Tatsachen und flieht in bis dato kaum geschaute Welten. Deren Bewohner lächeln finster. ARAM LINTZEL
Aram Lintzel ist politischer Berater, Musikkritiker und freier Journalist. Er lebt in Berlin.