Kolossale Jugend
Album-CD - 17147-2
out Sep 04
Die Kolossale Jugend wagte 1989 als erste Band den Sprung über den Schatten von Fehlfarben und Einstuerzende Neubauten. Pop, Punk ohne Verzerrer und deutsche Texte aus Hals und Kopf (heute: Brüllen) von Kristof Schreuf. Das war damals die Zukunft des Jahres und wirkt bis heute sensationell. Schlagzeuger war Christoph Leich (heute: Die Sterne), Gitarrist Pascal Fuhlbrügge (heute: Sand11, Novack) und Klaus Meinhardt spielte Bass. Die Lücke, die die Jugend 1990 hinterließ wurde natürlich nicht gefüllt, aber in dem Zimmer, das sie bauten, lässt es sich auch heute noch klasse leben.
„UNSERE EINFACHHEIT WAR DIE EINES FRISCHEN ANFANGS.“ (Klaus Meinhardt)*
Ludwig-Erhard-Straße, Hamburg: In der Grenzwache Altona probt eine Band, die sich (nach einer Platte der Young Marble Giants) KOLOSSALE JUGEND nennt. Es liegt was in der Luft. Die erste Single ist raus („Kein Schulterklopfen“), Pascal Fuhlbrügge und Carol von Rautenkranz haben das Label L’age D’or gegründet, die ersten Konzerte sind gespielt. Dann, im Spätsommer 1989, kommt das Debüt-Album „HEILE HEILE BOCHES“.
„Alles kulminiert in den Aufnahmen von ‚Bastard‘, dem zentralen Stück auf der Platte. Hier brennt sich das Bild in meinen Kopf, das für diese Aufnahmen steht: Christoph, der Gaffa-Tape um Kopf und Kopfhörer wickelt, um sich besser bewegen zu können. Heute meine ich manchmal den Nachklang der Jugendzimmer in Wohltorf, Norderstedt und Elmshorn in ‚Heile heile boches‘ zu hören. Nicht urban, sondern verwurzelt in und kämpfend gegen die Vorstadtwelt, die uns alle vier verband.“ (Pascal Fuhlbrügge)
Die Musik ist ein einziges Stoßen, Schubsen und Schrabbeln. Renitenz bedeutet hier ausnahmsweise mal nicht: „kräftig genug, extrem genug, lang genug, plakativ genug“. Und es gibt keinen klassischen Spielmacher, mal leimt der Bass all die musikalischen Teile zusammen, dann wieder ist es das Schlagzeug, die Gitarre oder dieser nervöse Typ am Mikrofon (kaum zu glauben, dass der vorher in einer AC/DC-Revival-Band gesungen hat).
„Wir hören Rock ’n’ Roll oder 60s-Punk. Aber alles räumlich, per Generation oder Szene weit von uns entfernt. Einzig ‚Stand Rotes Madrid‘ von Cpt. Kirk & scheint ein großes Versprechen auf die Zukunft zu sein. (…) Deutschsprachige Texte scheinen ein guter Ansatz zu sein, um so eine Nähe herzustellen. (…) Wie wir schnell feststellen, kann man damit auch hervorragend Leute nerven. Die kulturell Interessierten, weil sie das Desaster des Ausverkaufs und Zusammenbruchs der Deutschen Welle noch zu deutlich vor Augen haben und das damit out ist. Und viele Linke, die sich so international geben wollen und doch so piefig sind.“ (Pascal Fuhlbrügge)
Die Sprache: ein Instrument wie der Bass, das Schlagzeug, die Gitarre und die Stimme. Jeder Text: ein Eimer voller gehäckselter Sätze. Wer hineingreift in diesen Eimer, hält so gut wie immer ein Frage- oder ein Ausrufezeichen in der Hand. So dauert es auch nicht lange, bis die Presse anklopft, weil: DIE GLÜHEN, DIE SIND UNVERSCHÄMT, DIE ACHTEN NICHT AUF DIE REGELN, DIE HABEN WAS ZU SAGEN (was genau, das gilt es zu ergründen, man versteht ja nicht alles, auf jeden Fall:), DIE SIND SO GANZ EIGEN. Die Refrainzeile „Der Text ist meine Party“ wird zum Zitat-Hit.
„Wir reden viel über HipHop, der uns total beeindruckt und auch beeinflusst. (…) In den Artikeln findet das kaum Niederschlag. Hingegen merken wir, dass ein großer Bedarf nach einer Figur da war, die Jochen Distelmeyer später viel überzeugender sein kann: der bürgerliche Rebell. Wir versuchen uns dem zu entziehen und bestehen auf unseren prolligen Anteilen. Wir wollen rocken. Wir nehmen Pop ernst. Keine Verbrüderung mit dem Feuilleton.“ (Pascal Fuhlbrügge)
Also rockt die Kolossale Jugend. Und nebenbei bereitet sie die Repolitisierung deutschsprachiger Popmusik mit vor. Es ist 1989.
„Trabant-Autos säumen perlengleich die Ludwig-Erhard-Straße (dabei wählt man Kohl). Es ist dieses Bild, welches mein inneres Auge vor allen anderen projiziert, wenn ich an meine alte Band Kolossale Jugend denke.“ (Klaus Meinhardt)
„Der DDR wird noch vor den Anführungsstrichen die Berliner Mauer genommen. Pascal überlegt sich noch am Tag nach der Maueröffnung eine seiner gelungensten Aktionen. Er will den Verhältnissen nicht einfach immer mehr Akkorde vorspielen, sondern sie mit einem Band-T-Shirt begrüßen, auf dem ‚Halt’s Maul Deutschland‘ steht. Eine Zeile wie eine gelungene Ganzkurzgeschichte über diesen neuesten Deutschen Herbst. Gerechte Leichtfertigkeit steckt da drin, Kampfkraft und zupackende Eleganz.“ (Kristof Schreuf)
Die einzige richtig fette Parole der Kolossalen Jugend – sie wird über ein T-Shirt verbreitet. Aber die Musik sagt, ohne dass es ausgesprochen würde, oft dasselbe: „Halt’s Maul Deutschland“. Auch auf der zweiten LP „LEOPARD II“, die im Spätsommer 1990 erscheint.
„Beträgt das Verhältnis von Diskutieren vor der Probe zu Proben zwei Jahre zu einem Abend, sollte man über die Zukunft der Band nachdenken. Alles andere ist O. K.“ (Christoph Leich)
Ein gutes Jahr später prägen Thomas Groß und Volker Backes für Bands wie Cpt. Kirk &, Blumfeld und die Kolossale Jugend den Begriff „Hamburger Schule“. Die Kolossale Jugend existiert zu jenem Zeitpunkt nicht mehr.
Inzwischen ist viel Wasser den Nil hinuntergeflossen. L’age D’or hat die alten Bänder der Kolossalen Jugend wieder ausgegraben und sie – kein Scherz – von Chris von Rautenkranz in den Backofen stecken lassen (weil, so heißt es, auf diese Weise beim Remastern bessere Ergebnisse erzielt werden). Es ist 2004. Die einen haben sich ganz passabel eingerichtet in ihrer Protestidylle. Die anderen wollen eine Quote für mehr Deutsches im Radio haben. Und in den Spelunken der Pop-Städte lautet das Motto: Ich weiß, dass du weißt, dass ich weiß. Da kommt Musik, die quer im Kopf liegt, gerade recht.
VEREHRTES PUBLIKUM: DAS HIER IST EIN ARSCHTRITT; EINE GEILE BAUSTELLE; EIN FRISCHER ANFANG, IMMER NOCH.
*(alle Zitate aus den Linernotes zu „Heile heile boches“)
Kolossale Jugend:
Pascal Fuhlbrügge (Gitarre; heute: Novack, Sand 11)
Christoph Leich (Schlagzeug; heute: Die Sterne, Davos)
Klaus Meinhardt (Bass und Grafik; heute: Grafiker)
Kristof Schreuf (Gesang, Texte; heute: Brüllen)
Heile heile boches CD (inkl. Bonustracks):
1. GEHE, ZÄHLE
2. EINER PACKT
3. LOUIE, LOUIE
4. PARTY
5. WOHNUNG
6. DÜNNE FINGER
7. JAHAHIHI
8. BESSERE ZEITEN
9. MEIN ERNST
10. VATER KRUSES FAHRT INS GLÜCK
11. BASTARD
12. HEAVEN
Bonustracks:
13. BANG BANG – vom ersten Demo 1987
14. KEIN SCHULTERKLOPFEN – Von der ersten Single 1988
15. ZURÜCK IN DIE USA – Von der ersten Single. Wegen dieses Stückes wurde
beschlossen, daß eine Platte gemacht werden soll.
16. KLUMP – Von der Single-Beilage der Zeitschrift Popnoise. Aus der Heile
Heile Boches Zeit.
17. GRÜSSE UND LÜGEN (HAMBURG NICHT BOSTON VERSION) – Zwischen den Alben als Beitrag zum Hamburg (nicht Boston) Sampler aufgenommen.
Mehr Kolossale Jugend/ Lado Classix :
V.Ö. 25.10.04 Kolossale Jugend – Leopard II
(Original Album Re-release (inkl. 10 Live- Bonustracks, zum ersten mal auf CD und 28 Seiten Booklet )
V.Ö. 11.10. Kolossale Jugend – Um und bei Kolossale Jugend 12“ EP (mit Coverversionen von : Kissogram & Masha Qrella, Melissa Logan / Ted Gaier & Von Spar, Egoexpress, LaHengst/Ehlers, Helgoland sowie einem aktuellen Kolossale Jugend Track )
Mehr Infos zu allen Classix auf unserer Microsite
Kolossale Jugend Heile Heile Boches
Musik kaufen





