Lawrence
Album-CD - 2169-2
Album-Vinyl - 2169-1
out May 05
Als international gefragter DJ und elektronischer Entertainer sitzt Lawrence oft im Zug. Versonnen blickt er dann aus dem Fenster. Seen links, Schlösser rechts. Peter Kersten (so der Name auf seiner goldenen Bahncard) liebt es, wenn die Landschaften vorbeihuschen und macht sich dabei eifrig Notizen von skurrilen, schönen und verwunschenen Orten, um sie eines Tages vielleicht aufzusuchen. Bisher gibt es aber nur eine voll geschriebene Kladde mit all diesen Sehnsuchtsorten, extra hingefahren ist Lawrence noch nie. So bleibt die flüchtige Erinnerung, und darum geht es auch in seiner Musik. In Kerstens Klangkosmos sitzen Trauer, Glück, Nachfreude, Betörung und Aufbegehren so nah beieinander wie im ICE die Reisenden.
“The Night Will Last Forever” ist Peter Kerstens drittes Album als Lawrence und die siebte LP-Veröffentlichung seines mit David Lieske betriebenen Indiehouse-Labels DIAL. Auch diesmal will das Label von seiner Hamburger Homebase aus die Welt erobern und kooperiert wieder mit der Firma LADOMAT. Während der allseits euphorisch rezipierte Lawrence-Vorgänger „The Absence of Blight“ (2003) der perfekte Soundtrack für sehnsuchtsvoll verschluffte Nachmittage war, wird auf „The Night Will Last Forever“ verstärkt zu körperlicher Ausgelassenheit aufgefordert. Natürlich heißt das nicht, dass Lawrence idiotensicher die Nachfragelage der Clubs bedient – immer noch arbeitet der Hamburger Neo-Romantiker lieber in fiktionalen als in funktionalen Welten. Anstatt sich populistischen Optimierungszwängen zu unterwerfen, verstrickt Lawrence sich abermals in ein multi-atmosphärisches Stimmungsdickicht (wobei es aufschneiderische 80s-Signale trotz der solche Assoziationen weckenden CD-Coverästhetik nicht zu hören gibt).
Eine spröde Zärtlichkeit prägt die 12 Tracks; Beats, Flächen, Pianos und Samples werden subtil verwischt und lässig nachlässig zu einem in viele Richtungen offenen Klangbild geformt. Mit dem neuen Genre „Childish Music“, das der Musiker Ekkehard Ehlers kürzlich mit der gleichnamigen Compilation in die Runde warf, kann Peter Kersten einiges anfangen – er mag den kindlich-naiven, irrationalen Zugang zu Musik, bei dem „mehr gehört als gedacht wird“ (O-Ton Kersten). Oft fühlt man sich da an die softeren Momente von Detroit Techno erinnert („die Musik meiner Jugend“, sagt Kersten). Gerne betreibt Lawrence heftige Gefühlsarbeit, als wolle er das Genre Torchsong digital reanimieren. Die Beatstruktur ähnelt der erhabenen Schludrigkeit von Theo Parrish und Moodyman – wie bei den zwei großartigen Eigenbrödlern des House stottert und stammelt die Bassdrum von Dingen, von denen der Four to the Floor-Purist nichts wissen will. Stets droht das organisierte Verschwinden, manchmal benehmen sich die Beats wie ein Flaschengeist, der in andere Universen entwischen will. Im Unheimlichen und Ungefähren bewegen sich auch alle sonstigen Stimmungs-Cluster: spleenige Slow Motions (wie in dem Film „Die Dinge des Lebens“ von Kerstens Lieblingsregisseur Claude Sautet), verspielte Melodiebögen, Moderne Klassik-Anleihen, bedrohliche Acid-Untertöne und düstere Streichersamples – all das fügt sich trotz aller Unschärfe zu einer diskreten Stimmigkeit. Grundtenor: eine trotzige Melancholie, die hie und da für Momente in Euphorie umkippt und den Egoexzess auf der Tanzfläche erlaubt.
Weil Lawrence sich auch nach sechzehn Jahren Nachtleben keinen Emo-Panzer angelegt hat, bleibt seine Musik stets durchlässig für seltsamste Gefühlsschattierungen irgendwo zwischen deep und dark. Ja, es wird dunkel und plötzlich bleibt der Intercity-Zug in the middle of nowhere stehen und wir dürfen aussteigen. Auf Abwegen führt man uns in vernebelte Landschaften, die auch Detroiter wastelands sein könnten, lässt uns holprige Seitenpfade entlang stolpern und am Ende der geheimnisvollen Odyssee landen wir an einer glitzernden Lichtung. Poren und Sinne öffnen sich, alles kann nun von vorne beginnen, alles ist möglich, mit dieser Platte. Der Tag wird wieder zur Nacht, doch die Sehnsucht nach all den namenlosen Orten bleibt.
Lawrence The Night Will Last Forever
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