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Golden Boy

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«Kintaro, der Held aus Golden Boy ist wie Donald Duck: Sympathisch, hilfsbereit, voller Ideen – und trotzdem ein Verlierer. Aber wenigstens ein lustiger.» («jetzt»-Magazin)

Da kommt einer nach langen Klettermax-Touren durch die Nächte eines Morgens aus dem Club an die frische Luft, die Sonne scheint und die Strahlen verfangen sich im Haar: Auftritt Golden Boy! 1234! Bringt uns – zusammen mit Miss Kittin – die Musik für den anbrechenden Tag und für den Sommer 01. Die Knie sind noch weich und die Sinne betört von der Nacht, doch die Lust auf Musik zum Frühstück ist schon da. Knusprig wie Cornflakes bevor sie in
die Milch eintauchen. Auferstanden aus den Ruinen des Nachtlebens schimmern die elektronischen Songs in der Morgensonne.

Die Verwandlung von Klettermax zu Golden Boy ist die von der Nacht zum Tag. Was Golden Boy weiß und kennt, ist von Klettermax in unzähligen und endlosen Nächten live erprobt und erspielt. An Filtern und Reglern geschraubt und gedreht, konzentrierte Arbeit für die Reise auf der Tanzfläche. Ein vertrackter Bastler und poly-rhythmischer Gestalter ist er.
Von Zürich bis Berlin, von Istanbul bis Heidelberg hat er so die schönen Clubs live bespielt und die Tanzenden auf weite Touren geschickt. Hoch hinaus mit Klettermax, abenteuerliche und weite Reisen. Irgendwann enden diese Nächte unvermeidlich mit dem heimwärts Taumeln im Morgenlicht. Landung in der Dämmerung. Das muss Golden Boys Neugierde gereizt haben, Musik auch für den Tag zu machen, Songs, die uns so leichthin begleiten,
vom Dunklen ins Helle helfen und Spass machen, einfach schön sind, nichts weiter versprechen, nichts weiter verlangen, das Leben ist schon schwer genug, einfach dahin gehen wie der Tag.

Für diese Aufgabe hat Golden Boy wie ein Goldwäscher geschürft: Er flirtet mit den Visionen der Zeit, holt sich, was gefällt, von da und dort, leiht beim Sixties-Chic oder fährt im Taxi durch die Siebziger. New Wave, Elektro und Samba, her damit. Und dann wieder gedreht und gefiltert, gedrechselt und geschraubt, die Ideen durch die Maschinen geschleust im erprobten Verfahren. Die Verfremdungen sind gar nicht arg, aber deutlich genug: Diesem Sommer ist nicht zu trauen! Die Tage erscheinen irreal und lapidar. So erklingt dann die Musik für Hüpfspiele über den Betonplatten in arg lädierten Banlieus: Ein zaghaft fröhliches Himmel und Hölle der Vorstadtkinder unter der Sonne. Die Musik erzählt in der Ästhetik von
Super8-Filmen, spielt mit Klängen aus der Kindheit, synthetisch gespült. In der Erinnerung erscheinen alle Sounds und Farben wie überblendet – wie beim Blinzeln, wenn man aus dem Club ans Licht kommt. Genau diese so vielfach erlebte und schon vertraute Mischung von freundlicher Naivität, so schaut’s also aus, und befremdlicher Überbelichtung, so irreal erscheint das alles.

Das Gefühl vom angenehmen Taumel ist schön getroffen und war musikalisch schon mal da: Golden Boy erweist Taxi die Referenz. Schweizer Bands haben selten schöner gedichtet als Taxi in den Siebzigern:

Ich nime no en Campari Soda
Wiit unter mir liit s’Wulchemeer
Dä Ventilator summet liislig
Es isch als gäbs mich nüme meh

In deutscher Übersetzung (weit weniger elegant):

Ich nehme noch einen Campari Soda
Weit unter mit liegt das Wolkenmeer
Der Ventilator summt leise
Es ist als geb’ es mich nicht mehr

Golden Boy aka Stefan Altenburger kommt aus der Schweiz, und mit der Bergung dieses verlorenen Schatzes hat er seiner Heimat einen wahren Dienst getan: Campari Soda von Taxi, ein kleines Juwel aus dem Zürcher Sumpf der siebziger Jahre, hat den Weg ins neue Jahrtausend gefunden. Campari Soda für verlorene Gestalten. Valium für geschundene Seelen. Notfalls Morphium für hoffnungslose Fälle. Das waren die Drogen der Zeit. Vielleicht hilft heute schon Golden Boy allein.

Der elektronische Alleinunterhalter spielt diesmal im Duett. Mit Miss Kittin hat Golden Boy seine Stimme gefunden, sie legt sich über die Songs wie ein sanfter Sommerschatten. Ein laszives Schlafwandlergeflüster, das uns die Welt im Wandel erträglich macht. Ewiges, schön lapidares, ersehntes Schlaflied: So lulle uns ein. Nur damit es dann wieder los gehe. Hier sind wir: 1234!

Patrick Walder