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Hamburg, Planten un Blomen, ein Café. Große Halle, Kaffee, Kuchen, Amüsemang. Eher etwas für ältere Paare und solche, die es werden wollen und jetzt schon sind. Darin Mense Reents und Jimi Siebels, zusammen Egoexpress, freundliche Männer um die Dreißig. Guten Tag.
Mense Reents, blond, ruhig, doch ein launiger Typ. Ehemalige WG-Mitbewohnerinnen weinen ihm noch heute nach, denn er ist zuverlässig (meistens). Er spielt in zigtausend Bands, nennen wir mal Stella (Schlagzeug, Programming, Gesang), nennen wir die Goldenen Zitronen (Schlagzeug und mehr). Dazu kommen die vielen Engagements von früher, nennen wir die Live-Bassist bei Das Neue Brot, nennen wir hier Die Regierung, nennen wir Huah!. Dort Bass und Gitarre. Tausendsassarei, so dürfen wir das wohl heißen. Durch all diese Bands kam Mense Reents in die Hamburger Schule, in das Haus L’age d’Or und war gleich oben oder unten mit den Leuten, auf jeden Fall zwischendrin und mittenmang. Inzwischen auch solo zu haben, selbstredend bei L’age d’Or. Die De:Bug nennt ihn: „Hamburgs besten Houseproduzenten”. Sie muss es wissen, sie ist die Expertin.
Neben ihm sitzt Jimi Siebels. Auch er in Hamburg, auch er über Hamburg hinaus bekannt. Der sanft blickende Mann mit diesem Schnauzbart, der keinen Machismo in sein Gesicht bringt, im Gegenteil. Der ihn so schön macht. Sand 11 heißt seine andere Band, er macht sie zusammen mit Pascal Fuhlbrügge, der schon vorher bei Kolossale Jugend unsterblich geworden ist. Siebels war vorher bei Das Neue Brot dabei, daher kennen er und Reents sich.
Hamburg also, alle beide, feste Größen in einem Universum aus Musik und freiem Testen. Jimi erzählt, dass er, nachdem Mense bereits nach Hamburg gegangen und dort schnell in die diversen Bands gerutscht war, auch nach Hamburg kam, und ebenfalls schnell hineinwuchs. Man kannte sich ja, und teilte sich schnell neue Freunde. Das L’ age d’Or-Büro gab die gute Mutter ab, es gab immer Kaffee, dafür half man die Post verpacken.
Mense gründete das Imperial-Studio, Jimi half es auf- und auszubauen, die Mitte der Neunziger erschienene Compilation „Camp Imperial“ zeugt davon, wie viele Bands hier durchgeschleust wurden.
Flashback: Bielefeld, JZ Jöllenkamp, 1996, „Camp Imperial“-Tour, ein Dutzend Bands und Acts (sagte man damals noch nicht), eine Auftrittsgemengelage, uns Indie-Rocktypen aus der Provinz wurde plötzlich brachiale Elektronik um die Ohren gehauen, dazwischen Gitarren, Gesang oder nicht, der Fanzine-Bildungs-Spießer wurde wunderbar überfordert. Passte alles, passte alles nicht, wir mussten viel rauchen und trinken, um das zu verarbeiten. Das kann man sich heute kaum noch vorstellen, doch damals wurde ernsthaft die Gitarre gegen den Sampler verteidigt, wer nicht breitbeinig stand oder tieftraurig barhockerte, der „verriet“ etwas. Den Rock nämlich. Wir waren „Handgemachte Musik“-Stalinisten, unter „Verrat“ taten wir’s nicht. Insofern hatte die „Camp Imperial“-Tour etwas Therapeutisches, auch uns Schnöseln aus der Provinz wurde endlich Rettung versprochen. Wir kamen in die moderne Welt.
Beinahe zeitgleich, also kurz zuvor: Auf Ladomat 2000, der Abteilung für elektronische Musik bei L’age d’Or erscheinen erste Stücke von Egoexpress. „Egoexpress 2“ zunächst, dann, ein knappes Jahr drauf, im Mai ’96 „Foxy“, das Album, darauf „Telefunken“, der Hit, der Kreise zieht. Ein knarzendes Wunderwerk. Kaputt, satt, schräg.
Dabei wussten Siebels und Reents nicht mal genau, was sie taten. Sie wollten elektronische Musik produzieren, fasziniert von dem, was sie in Clubs erlebt hatten. Der These, dass sie zunächst elektronische Musik gemacht haben, ohne zu wissen, was das ist, stimmen sie lachend zu.
„Für uns war das ungemein abstrakt damals“, sagt Reents. „Das war für uns total aufregend.“
Heraus kommt ein Album, in dem dieses Unwissen zur Haltung wird, die den Club will, den Körper, und auf Konventionen scheißt. „Foxy“ bleibt dennoch zunächst seltsam ungehört, für die House- und Techno-Fraktion sind Egoexpress Rocker, für die Rock-Fraktion wiederum sind sie Elektroniker. Elektro-Punk, ein solches Wort hat es damals nicht gegeben. Egoexpress waren wild, laut, schmutzig, dafür gab es noch kaum Publikum. Sie waren vielleicht interessant, wurden jedoch eher von der tanzunlustigen Hornbrillenfraktion goutiert.
Egoexpress spielten vor allem nicht auf Raves. Warum nicht? Sie wurden nicht geladen. Dabei ließen sie es damals schon krachen. „Wir geben dem Publikum keine Zeit“, sagt Siebels, „drei-vier Minuten Aufwärmphase, und dann geht es ab. Danach kann ja dann der DJ machen was er will, dann gehört die Party wieder ihm.“
Dann, 1998, sie spielten im Berliner WMF, „es waren kaum Leute da, doch viele Low Spirit-Leute und Westbam“ (Reents), und das Blatt begann sich zu wenden. Das Duo wurde eingeladen, auf der Mayday zu spielen. Anfang 1999. Das Westfalenhallen-Großrave-Publikum war dem rockenden, drückenden Bassbrummen sofort ebenso verfallen wie der Student von nebenan.
Das war der Durchbruch. Infolge spielten und spielen Egoexpress auf nahezu allen großen Raves, Sonne, Mond und Sterne etwa. Oder Nature One. „Das war irre dort. Nach dem Auftritt sind wir ins Hotel, irgendwann um 11 Uhr morgens, und wir sollten dann im Hotel sofort wieder auschecken“, erzählt Jimi Siebels, „es war nur die Nacht gebucht, in der wir gespielt hatten, und jetzt, wir waren total fertig, hieß es: raus. Wir sind dann mit unseren Freunden in den Wald gefahren, auf eine Lichtung, lagen in der Mittagssonne, und konnten nicht mehr.“ „Ich habe auf dem Booden gelegen, es war total heiß, und die Kühle aus dem Boden gesaugt“, ergänzt Mense Reents, „bescheuert!“ Die klassische Raver-Geschichte.
Doch Rocker hin, Raver her, dieses Duo steht seit je dazwischen, ohne zerrissen zu sein. Es kommt so und so auf seine Kosten.
Ende ’99 erscheint „Bieker“, ein Album voller Hits, „Weiter“ (mit der Stimme von Dirk von Lotzow) und „Music, No Music Music“ sind von den Tanzflächen des Landes nicht mehr wegzudenken.
Doch seit 2001 keine Veröffentlichung mehr. Faulheit? Nein, Egoexpress tourte die ganze Zeit. Vor allem in den neuen Bundesländern füllen sie Hallen, in den alten Bundesländern werden eher die Clubs gefüllt. Der Hallenrave ist ja ein Ostphänomen. Egoexpress räumen hier wie da auf.
Zugleich musste das Imperial-Studio aufgegeben werden, neue Räume über dem ehemaligen Phonodrome in Hamburg sind bezogen worden. Nebenan wieder ein Club. Man hört zu und geht mit. „Die Zeit des Nichtmehrausgehens ist definitiv vorbei“, meint Mense.
Und zugleich wird im Studio gearbeitet, an neuem Material, zunächst zögerlich, Fragmente werden gesammelt, gleichzeitig müssen ja auch noch all die anderen Projekte verfolgt werden. Dann im November des letzten Jahres der Umschwung, plötzlich vollen Jimi und Mense die Platte, man sammelt zusammen, arbeitet viel und schnell und täglich. „Everybody“ entsteht. Ohne dogmatisch sein zu wollen, ohne großen Plan, entsteht eine homogene Platte, mit großem Bogen. Hits wie „Aranda“ oder „Ich habe links eine Hand“, dazwischen hat es Humorstückchen, und all das wird durch den 4/4-Takt und die Bassdrum zusammengehalten, Techno letztendlich, der hier schmutziger House ist, dick, viel, fordernd. Mit Minimalismus hält sich Egoexpress nicht auf. Für Genres keine Zeit.
Es gibt auf „Everybody“ keine Samples. Alles Sounds wurden selbst eingespielt, warum auch nicht, man ist ja Musiker. Dahinter steht kein ödes Konzept, kein billiger Dogmatismus, es geht um gute Musik, und die entsteht aus dem Material, das vorliegt, im Dialog, in der Nacharbeit, im Detail. Der Sound ist wie aus einem Gruß. „Ich arbeite immer bis zuletzt an dem Material“, so Mense, „ich will den Hit.“ Und der ist ihnen offensichtlich wieder mal gelungen.