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Die Aeronauten

Die Aeronauten
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Hipp kenne ich schon ewig, genauer seit 1984. Wir wohnten damals in Romanshorn und mit einem Vierspurgerät und einigem Krimskrams machten wir Musik. Später hatten wir zusammen mit Bruno eine Band – Freds Freunde. Wir spielten landauf, landab und als uns 1990 alle gesehen und gehört hatten, lösten wir uns auf. Hipp und ich waren inzwischen nach Zürich gezogen und verbrachten die Abende mit Nischenkino, Spaghetti-mit-Senf und illegalen Bars. Als wir im Sommer 1991 wieder eine Band gründeten, dachten wir uns nicht viel dabei, ausser dass wir reich und berühmt werden wollten. Raf, Roman (damals noch „Motte“) und Guido verplemperten an der Uni ihre Zeit und waren leicht zu überreden.
Der Name AVRO 504 K (ein Doppeldecker von Alliot Vernon Roe 1918) schrieb sich zwar recht cool, klang aber wie eine Afro-Band, so einigten wir uns auf das allgemeinere DIE AERONAUTEN.
Als die Bläser endlich wussten, was sie spielen sollten, hatten wir am 15. September 1991 in Basel als Vorgruppe von Chrysanthemums unser erstes Konzert zu fünft. Wie es war, ist mir leider entfallen; es war mir wichtiger, dem (nicht-) berühmten Alan Jenkins (Chrysanthemums-Sänger und Ex-Deep Freeze Mice) die Hand zu schütteln. „So Doof“ gefiel Hipps Schwester ganz gut. Schnurstracks und trotz meiner Hand im Gips, nahmen wir eine Kasette auf, die wir auch tüchtig verkauften (300 Stk.). Nicht genug damit, machten wir uns daran eine CD aufzunehmen. Dabei zeigte sich, dass wir zwar auf den Bühnen recht lustig waren, an unseren Instrumenten jedoch traurige Versager darstellten, sobald niemand hinsah (daran sollte sich im weiteren nicht viel ändern). Auf anraten von Rämi (Eugen/Der böse Bub Eugen) fuhren Tom Etter und ich im Februar 93 nach Hamburg um bei Chris von Rautenkranz im Soundgarden abzumischen. CvR hatte die Platten von Blumfeld, Huah und Kolossale Jugend produziert und war somit unser Mann. Im Keller des Soundgarden befand sich damals zwischen schimmligen Müllhaufen und miefenden alte-Socken-Lagern, das Hauptquartier des Labels L’age D’or. Auf der Rückfahrt waren wir so hinüber, dass wir die Masterbänder im Zug liegenliessen; nun, bekanntlich erschien unsere CD trotzdem.
Wieder spielten wir, wo wir nur konnten, keine Hütte, kein lauwarme-Bier-verkaufender Keller, wo wir nicht gewesen wären. Doch schon Laurenz Müller sagte: „das Rock and Roll-Leben ist ein hartes Brot“: Raf wollte lieber härtere Musik machen oder Kafka lesen, für ihn kam Maz, mein damaliger Schwager und Skateboard-Pionier aus Winterthur. Guido besann sich auf Familie und Studium und verliess uns. Für ihn fanden wir Pierroz, ein Jazz-spielender Exzentriker der sich auf unklare Weise durchs Leben schlug.
Von Anfang an zog es uns nach Deutschland; in der kleinen Schweiz waren wir schon überall gewesen und das grosse Ausland lockte mit Erfolg und Abenteuer. 1994 war es so weit: Wir fuhren mit einem röchelnden VW-Bus durch die Gegend, rockten in fast leeren (oder zufällig vollen) Häusern, liessen uns zu Jägermeister-Runden breitschlagen, bekamen pampigen Schlunz und schliefen am Boden. Der einzige in Deutschland bekannte Schweizer, war damals anscheinend Emil und somit wurde eine „schwitzerdütsche“ Witzoffensive von uns erwartet. Was wir anstattdessen boten, enttäuschte die Scherzkekse, gefiel aber den anderen.
Dreissig Auftritte später waren wir wieder in Hamburg, im Golden Pudel Club. Die Meinungsführer der Szene hatten schon von uns gehört und der Laden war voll. Mit wehenden Fahnen eroberten wir die Stadt – in jener Nacht lernten wir wahrscheinlich mehr Leute kennen als in den ganzen zehn Jahren davor – schlussendlich landeten wir in der Küche von Knarf Rellöm (damals noch „Walding“) und ganz am Ende lagen Roman und ich auf einem Sofa und deckten uns mit einem roten Vorhang zu.
Wieder zuhause sahen wir zwar aus wie die letzten Penner, fühlten uns aber kurz vor dem internationalen Durchbruch und nahmen gleich die nächste Pladde auf.

„Oh, was waren wir für ein wilder Haufen!“ wollte man gerne an dieser Stelle ausrufen. Doch dies wäre gelogen; wir waren nie ein „wilder“ Haufen, sondern die Vernunft auf Rädern. Stets fuhren wir morgens zeitig ab und kamen meistens pünktlich zum Soundcheck. Wir sahen uns in den jeweiligen Städten Hallenbäder und Museen für moderne Kunst an, lasen die Zeitung jeden Tag und schrieben Karten nach Hause. Wir assen wenn möglich Salate und langweilten uns vorschriftsgemäss bis zum Auftritt, dann schlugen wir in vernünftigen Grenzen die Hütte zusammen, tranken oder kifften uns danach selten in peinliche Exzesse. Hipp ging immer als erster – ich und Roman jeweils als letzte. Im Tourbus herrschte heilige Ruhe, höchstens unterbrochen von Jassen im Stau. Zuerst war uns das gar nicht recht. Mit der Zeit merkten wir allerdings, dass andere tourende Bands viel grössere Langweiler waren, auch wenn sie im Bus Metallica hörten.
Fast bei jedem Konzert drückte uns jemand eine CD in die Hand – man solle sich das anhören, damit man vielleicht mal als Vorgruppe auftreten könne. Noch heute habe ich dutzende von Demo-CDs von Würzburger Hamburger-Schule Bands in meinem Regal, die auf ihren grossen Moment warten. Nun, mit uns wäre der Moment wohl nicht allzu gross geworden. Wir waren einfach symphatische Typen, die man mal fragen konnte. Der ideale Vorgruppenmagnet. Man konnte uns zwar fragen, doch interessiert hat uns davon wenig. Lieber hörten wir Morricone, Studio Braun, Countrymusik oder Fat Boy Slim, leider boten die sich nie als Vorgruppe an.
Der „verrückte Haufen“ waren eher die anderen: Veranstalter, Publikum und sonstige Anwesende outeten sich begeistert als verschrobene Dorforiginale, die nichts anderes im Sinn hatten, als ihre Plattensammlungen vorzuzeigen, komische Sachen zu kochen und „we are the champions“-pfeifende Vögel zu halten. Man kann sich kaum vorstellen, wie es in gewissen Männer-WGs aussieht, wenn man nicht dort war. Vielen Dank! wir haben uns bestens unterhalten bei Euch! (wir fuhren aber auch gern wieder weg!)
Ein anderer Schlag waren Kneipiers, die sich für gar nichts interessierten: „Da sind die Steckdosen, iss mir scheissegal welche ihr nehmt, macht einfach was ihr wollt!“ meinte Alex aus Frankfurt zu uns, dazu hörte der Schweinepriester Opern. Die Höhe der Gage war ihm leider nicht egal.
Ein dussliger Hippie in Adelebsen hatte es eines Tages verpennt, unser zuvor abgemachtes Konzert wieder abzusagen. „Was für’ne Band?“ fragte er uns, als wir bei ihm vorstellig wurden. Was war hier los? „Spielen und Laden leersaufen!“ befahl unser Freund und Booker Jens Trümmer. Gesagt – getan. Ein verladener Freak aus der Nachbarschaft musste seine Anlage hergeben. Das Publikum war an Musik wenig interessiert, dafür an allem anderem was einfährt. Nachher übernachteten wir auf milbigen Sofas, auf der Tourbus-Rückbank und in einer Wohnung wo Säcke in den Türrahmen hingen.
Umgekehrt gab es Aktivisten, welche ihre jeweilige Stadt gar nicht verdient hat. Nachdem sich der Veranstalter in der Geisterstadt Neuruppin für uns ein Bein ausgerissen hatte und dann nur bedröhnte Dumpfos auftauchten, beschloss er wegzuziehen. Heute ist Marieu in Berlin gefragter Organisator und Booker.
Auf der Tournee mit Tocotronic machten wir mit einer neuen Sorte Bekanntschaft: Desinteressierte bis kleinkriminelle Geldgurgeln, die sich erhofften, mit den Tocos einen mittleren Reibach zu machen und leider vertraglich dazu verdammt waren, der Vorband – uns – noch zusätzliches Catering bereitstellen zu müssen. Na ja, wir sollten diesen Typen später nicht mehr über den Weg laufen.
Die AERONAUTEN-Fans, die wir bei unseren ca. 500 Auftritten kennenlernten, waren allerdings (meistens) grundgütige, liebenswerte, intelligente, freundliche, wache, gutaussehende, interessante Menschen, denen man an dieser Stelle ein Kränzchen winden sollte. Die Böhsen Onkelz können so etwas über ihr Pack bestimmt nicht behaupten.
Währenddessen verkauften wir unsere CDs und Platten ganz gut – jedenfalls unserer Meinung nach – zuwenig aus der Sicht unseres Labels L’age D’or. Carol lag mir immer wieder in den Ohren mit „ich höa den Hit nich, machma’n Hit, Jungs!“ Den Tipp gab er uns augenzwinkernd, schulterklopfend oder drohend, trotzdem schrieben wir „den Hit“ nicht. Wir gaben uns alle Mühe (wirklich!), doch es sollte nichts daraus werden.
Spass und Abenteuer gingen vor. Zu viert begaben wir uns zur Almhütte von Hipps Eltern, wo wir auf einem 4-Spurgerät von 1966 (auf dem schon die CH-Beatlegende Sauterelles aufnahm) einiges von Jetzt Musik verewigten. Wir hackten Holz und mähten den Rasen. Daneben fielen uns ein paar ganz gute Sachen ein.
Für Honolulu spielten wir mit dem Gedanken, zu John McEntire (The sea and the cake/Tortoise) nach Chikago zu fliegen, leider hatte er keine Zeit. Anstattdessen fuhren wir zu Chris nach Hamburg und das war auch nicht schlecht.
Beim Aufnehmen haben wir stets weder Kosten noch Mühe gescheut, trotzdem waren viele der Meinung, „live“ wären wir besser. Als „älteste Boy-Group der Welt“ haben wir fast jedes Publikum im Handstreich um die Ecke gekriegt. Hunderte konnten den Text von „Schwarzer Fluss“ mitsingen, trotzdem verkauften wir davon zuwenig. Ganz zu schweigen von „Freundin“, das sogar eine dubiose Vereinigung namens „Freundin-Front Kassel“ (FFK) hervorgerufen hat.
Tatsächlich sehen wir „live“ nur besser aus, Aufnahmen davon sollte man sich davon besser nicht anhören. Nun wollten wir einmal eine „richtige“ Studio-Produktion machen. So bastelten wir bei Dan Suter und seinem Computer unsere beste CD „Boheme, pas de probleme“ zusammen und eigentlich war es klar, dass diesmal der „Hit“ in der Mache war. Was L’age D’or recht war, konnte Make Up/RecRec nur billig sein und so kehrten wir zu unserem alten Haus zurück. Jeder im Leben stehende Mensch muss zugeben, dass ein Lied wie „Gutscheine“ der Hammer ist. Hm, vielleicht sind wir ja die einzigen, die dies hören. „Wie es sein muss“ ist eine Wahrheit, die allen über dreissig aus dem Herzen spricht (oder vielleicht wieder nur uns?). Hier zu hören ist auch „Liebe wird dich finden“, das von L’age D’or als „Truck Stop – mässiger Schlager“ abgetan wurde, doch was sollte daran schlecht sein? Mit dabei auch „Can you see em comin?“, eine Vertonung von Clint Eastwoods 1973-er Western Red City. Und zuguterletzt „Freundin – the making of“: als basisdemokratische Band, dachten wir uns damals, dass auf der CD immer alle vertreten sein müssten, warum es nicht dazu kam, ist hier zu hören.
Die letzte Tour (Oktober 2001- Januar 2002) war unserer Meinung nach eine der besten. Die Läden waren voll, wir waren meistens gut, lustige Leute begegneten uns und Roger verbrachte in Hannover die Nacht unter einem nassen Hund. Was wollte man mehr? Nein – Sex kam wieder nicht ins Spiel (nur in Ansätzen). Ja – wir wollten eigentlich hunderttausend Platten verkaufen, Stadien bespielen und moderat reich werden, doch davon konnte keine Rede sein. Wir gingen nach Hause, stellten Kinder in die Welt und versuchten irgendwo unser Geld zu verdienen. In Deutschland vermutete man, in der Schweiz wären wir hallenfüllende Stars, in der Schweiz dachte man an „big in Deutschland“ in Österreich vermuteten sie, wir wären überall gross, ausser gerade bei ihnen. Liebe Freundinnen, liebe Freunde: Ihr habt Euch getäuscht – wir waren nirgends „gross“, nur überall ein bisschen, vielleicht auch bei Euch.