about L’age D’or, ladomat 2000 and GOLD Musikverlag

1994 habe ich, soweit ich mich erinnere, bei einem Portugiesen am Hamburger Hafen mit jeder Menge Weißwein und Carol von Rautenkranz zusammengesessen und eine neue Schallplattenfirma erfunden. Die Erfindung wurde im Verlauf des Abends und ungezählter Flaschen großzügig von Carol von Rautenkranz, der damals noch nicken konnte, abgenickt, – sicher war er froh, mich zumindest beim Rocklabel L´AGE D’OR erstmal als potentielle Unruhestifterin von der Backe zu haben….ich aber hatte: ein Label. Es hieß Ladomat 2000 und ich wußte, das wird eine ganz große Sache, so groß wie ein Ölfleck auf der Nordsee.

Im Laufe der vergangenen Jahre wurden also Tonnen von eigenen und nicht zu wenig fremden Nerven zerissen, sich Gedanken gemacht, Versuche unternommen, das schon leicht abgeschabte Wort „Trash“ mit einem neuen, bezaubernden Inhalt via Low Fi Grafik zu füllen, es wurden Köpfe gegen Wände gedonnert, Wände eingerissen und schnell wieder aufgebaut, Mietwagen und eigene PKWs zu Schrott gefahren, Tausende von Blättern weißen Papiers erst voll- und dann ab und zu auch unterschrieben, das Musikvideo neu erfunden (was zeitweise bei Menschen von Viva zu schierer Verzweiflung und einem Gefühl der Belästigung führte), die unterschiedlichsten Musikstile bearbeitet, viel geseufzt, selten Luft geholt, es wurde verschlissen, abgearbeitet und erfunden, was das Zeug hielt….Es wurden Mikrofone ausgeliehen, Keyboards aus fahrenden Autos geworfen und manch einem rutschte schon mal während des von der Plattenfirma diktatorisch erzwungenen Live-Auftritts die Festplatte weg…wir haben es überlebt.
Dabei herausgekommen sind 100 äußerst unterschiedliche Platten und ich möchte – wie man als stolze Mutter mal so linkshändig dahinsagt – auf keine einzige davon verzichten – wer mich kennt, weiß, daß mir Kitsch nicht so besonders liegt, trotzdem: ich habe es nie ernster gemeint. Sicher ist der Spitzname “DJ Mutti“, den ich mir im Laufe der Jahre ehrlich verdient habe, somit ein passender…. Alle 100 Platten sind mehr oder weniger eigenwillig und egoistisch, gut und böse, schnell und langsam, schön und traurig, Hund und Katze.
Das alles ist geschafft worden.
Nur meine Mutter denkt auch heute noch, daß ich meine Platten selber presse…

Es gab Glanz, Würde, Motivation, Getränk, Charisma, Geldvernichtung, Stolz, Ruhe, Irrsinn, Adrenalin, Unglaube, Euphorie, Körperkontrolle, Wahnwitz, Armut, Demokratie, Familie, Exzentrik, Luxus und Festplatte.
Und Musik.

Es gab große Zeiten mit großen Menschen….als Egoexpress auf ihrer ersten Dorf-Tour einen Fahrer brauchten, weil sie sich immer hinten im Tourbus prügelten…. Und wie sie damals das Vorprogramm von Andreas Dorau bestritten, Jimi mit einer von kochendem Tee verursachten Verbrühung 2. Grades und Mense mit einer üblen Verletzung, die er sich in der Schweiz zuzog, als er dort betrunken vom gestohlenen Fahrrad stürzte. Sensationell! Die Tour wurde selbstverständlich fortgesetzt und Mense zieht das betroffene Bein heute noch nach. Oder als Andreas Dorau mit dem Grungerman Remix in den französischen Charts landete, auf einem Delacre-Keks-Festival in Paris vor etwa zwanzigtausend ca. 3-Jährigen (Alkohol mußte in eine Halle mit den Ausmaßen der Dortmunder Westfalen-Halle und fast unmenschlichen Sicherheitsvorkehrungen geschmuggelt werden) spielte, die ihm Tonnen von Stofftieren auf die Bühne donnerten (die er alle selbstverständlich und todesverachtend liegenließ).
Oder als Whirlpool aus Versehen U2 von Platz eins der italienischen Charts fegten, als Dank nach Rimini eingeladen wurden (zur Hauptsaison!) und von der italienischen Plattenfirma mit Werbegeschenken (Sonnenbrillen) handsam gemacht werden sollten, was selbstverständlich genau das Gegenteil bewirkte…
...Als die Kakerlaken bei Lado in der Max-Brauer-Allee auf den Tischen Rumba tanzten, während die Grauen Wölfe, die die andere Hälfte des Gebäudes okkupiert hatten, von den Dächern auf die Reifen der auf dem Parkplatz parkenden Autos schossen…
Jaja. Tonnen von Geschichten und Geschichte, die natürlich alle im Laufe der Zeit ihre etwas eigenen Versionen und Dynamiken bekommen haben…

Auf alle Fälle haben wir das Ungeahnte geschafft:
Lado ist 100.
Vor euch liegt, hoffentlich im kleinen Schwarzen und ausgehbereit, die Ladomat 100, unsere 100ste Platte. Hierfür haben wir natürlich nicht die unvergessenenen Highlights zusammengeschaufelt und wiederveröffentlicht, sondern Hits und Hymnen von all jenen Mitstreitern eingefordert, die uns die vergangenen fast 7 Jahre das Leben zu Himmel und Hölle gemacht haben.

Vor euch liegen neue, exklusive, nie gehörte und unverbrauchte, schöne und gute Lieder von uns und unseren Genossen, Mitstreitern, Liebhabern und engsten Freunden, um nicht zu sagen: Familienmitgliedern. Ladomat100 platzt aus allen Nähten und wir haben natürlich noch mal ordentlich abgesahnt, was uns zusteht: Liebe, Glaube und Hoffnung.
Mitgemacht haben alle und alle haben tatsächlich etwas nach Hause gebracht. Das mag jetzt ein wenig lapidar klingen – wir sind stolz und glücklich. Jede Menge Salz in der Suppe mit Stücken von Egoexpress, Sensorama, Hans Nieswandt, Console, Heiko Laux, Ricardo Villalobos, Michelle Grinser, Miss Kittin, Golden Boy, Commercial Breakup, ARJ Snoek und vielen anderen.
Und einen einzigen alten Hit von Zimt: u-o-a-a, weil es schön war.

Dazu wird es im Frühjahr ein große Sause geben mit live und allem.

Zwei kleinere Ausfälle sind zu bejammern: Andreas Dorau arbeitet an seinem Album und wollte natürlich als alter Stratege kein Stück für die Ladomat100 rausrücken, es könnte ja ein Hit sein… Und das Stück, das ich mit Dave alias C. Jost & Katze gemacht hatte, wurde selbstverständlich schon im Vorfeld gestoppt, da es nicht unwesentliche Urheberrechte von dem ganz grossen Mann der Pop- und Rockgeschichte verletzte. Naja. Punk´s not dead.

An dieser Stelle möchte ich mich noch einmal im Namen aller Lados bei jenen bedanken, die uns die Jahre die Treue gehalten und unterstützt haben,
Danke. Ihr wißt, wer Ihr seid!
Eure Charlotte