about L’age D’or, ladomat 2000 and GOLD Musikverlag

1986 hatten Carol von Rautenkranz und Pascal Fuhlbrügge genug: Nach der Post-NdW-Phase der Stagnation gab es nach und nach wieder Musiker, die nach eigenen, neuen Klängen suchten, auch in Hamburger Proberäumen. Doch die Konzertveranstalter bevorzugten noch den x-ten Auftritt von Cassandra Complex, Miracle Workers oder dem Jazz Butcher gegenüber der etwas riskanteren Veranstaltung mit Bands aus der Nachbarschaft. Fuhlbrügge und von Rautenkranz, die sich in der Musikredaktion eines Comic-Fanzines kennengelernt hatten, schafften Abhilfe.

Sie gründeten eine Agentur namens L’Age D’Or und veranstalteten am 6. Juni 1986 unter dem Motto „Hamburg 86“ in der Altonaer Werkstatt 3 ein Konzert mit Hammer Rocks, Girls Under Glass, Trashheads und Blue Kremlin. Vier musikalisch völlig unterschiedliche Bands, aber alle aus Hamburg – das blieb das Konzept für die Festivalreihe, die bis 1989 alle drei Monate vor 3-400 Interessierten stattfand. Nebenbei baute Carol von Rautenkranz mit seinem Bruder Chris ein Tonstudio auf, es gab einen Cassettensampler („Vorwärts Hamburg’87“): Bis zum nächsten Schritt in der klassischen Indie-Label-Evolution war es nicht mehr weit. Am 22. Oktober 1988 war L’Age D’Or als Label geboren.

Bei der vierten Auflage von „Hamburg 88“ sollte u.a. die Kolossale Jugend spielen, die Band, in der Pascal Fuhlbrügge Gitarrist war. Am Nachmittag bestempelten Fuhlbrügge und von Rautenkranz schnell noch einige Weißmuster der Kolossale-Jugend-Single „Kein Schulterklopfen“, die dann abends als erste Platte des Labels L’Age D’Or verkauft wurde. Schon bald nach “Kein Schulterklopfen” erschien mit “Heile Heile Boches” die erste LP der Band um Kristof Schreuf und erregte großes Aufsehen. Zu rohen Rhythmen nach Art der frühen Fall sang Schreuf abgehackte deutsche Satzfetzen, die von einem stetigen Strom eines wachen Bewusstseins kündeten. Diedrich Diederichsen proklamierte in Spex: “die beste Platte der Welt kommt heute aus Hamburg:” Bald darauf fiel die Berliner Mauer und die Kolossale Jugend verwahrte sich prompt gegen eventuelle Vereinnahmungsversuche aus der nationalen Ecke: Ihr “Halt`s Maul Deutschland” war einer der beliebtesten T-Shirt-Slogans des Winters `89/`90.

Um diese Zeit erschien auf L’Age D’Or der Sampler “Dies ist Hamburg (nicht Boston)”, der den Abschluss der „Hamburg …“-Konzertreihe bildete. Er zeigte, dass die Kolossale Jugend keine Einzelgänger waren. Um sie herum hatte sich in Hamburg eine florierende und innovative Indie-Szene gebildet. Im Kern war auf dem Sampler die erste Generation der L’Age D’Or-Bands zu hören: Hallelujah Ding Dong Happy Happy, We Smile, Der Schwarze Kanal (mit dem späteren Blumfeld-Bassisten und Schlagzeuger), Huah!, Die-Gants (Carol von Rautenkranz‘ Band) und Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs – sie alle veröffentlichten auch Alben bei L’Age D’Or. Daneben erschienen auch LPs von Kissin Cousins aus Karlsruhe und Carnival Of Souls aus Gelsenkirchen.

L’Age D’Or wurde als Label der Stunde bejubelt: Platz 1 im Spex-Poll, die Labelmacher in der Elle-Liste der „Erfolgreichen des Jahres“, häufige Besuche neugieriger Journalisten in den engen Räumlichkeiten des Labels. Und während dessen wurde den Labelbetreibern klar: Es geht so nicht weiter. Alben mussten in zwei Formaten, auf Vinyl und CD veröffentlicht werden. Zudem war man unzufrieden mit dem Vertrieb, eine Platte wie die von Huah! wurde überall groß besprochen, verkaufte sich aber schlechter als erwartet. Das Ergebnis: Immer höhere Schulden; das Projekt L’Age D’Or geriet in Gefahr.

Die Lösung war Ende 1991 ein Label-Vertrag mit dem Major Polydor und dessen Manager Tim Renner. Die Polydor kaufte eine Anzahl Garantieexemplare der Lado-Platten ab und behielt sich das Recht vor, wenn sie Potenzial in einer Band sähen, diese selbst größer herauszubringen. „Scheiß Kapitalismus“, „Fickt das System“, „Für die anderen“, „Absolut nicht frei“ – so hießen einige L’Age D’Or-Platten 1992, im ersten Jahr des Polydor-Vertrags; auch die eigenen Bands reflektierten also ein gewisses Unbehagen im Pop-Underground der Stadt über den Deal. Aber zumindest war der Fortbestand des Labels gesichert.

Und wie es weiterging! Ein Promo-Sampler von L’Age D’Or trug den Titel „Popmusik darf nicht dumm sein!“, der Slogan und Pascal Fuhlbrügges Manifest dazu wurde weithin diskutiert, selbst im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung. Dazu passend hatte sich der Begriff „Diskurs-Pop“ für diese neue Musik aus Hamburg eingebürgert, der aber zunehmend Konkurrenz bekam durch die Journalistenerfindung „Hamburger Schule“. Nicht durchsetzen konnte sich „Twingel Twangel Beat“, der Titel einer Bravo-Sammelgeschichte über die Hamburger Bands. L’Age D’Or brachte 1992 neue Alben heraus von Carnival Of Souls, Hallelujah Ding Dong Happy Happy, Huah!, Kissin Cousins und We Smile.

Vor allem aber gab es interessante Label-Neuzugänge in den L’Age/Polyd’or-Jahren: Die Regierung, aus Essen inzwischen nach Hamburg umgezogen, mit ihrer unprätentiösen Rockmusik. Die ostfriesischen Pop-Surrealisten Das Neue Brot, aus denen Ja König Ja und Egoexpress hervorgehen sollten. Die deutschsprachigen Rapper von Mastino. Die bläserstarken Aeronauten aus der Schweiz. Die ersten Gehversuche auf House-Terrain von Milch. Die Kraut-Rock-Neuerfinder Workshop aus Köln. Und dann waren da noch Die Sterne und Tocotronic.

Frank Spilker, aus dem Ostwestfälischen zugezogen, gründete seine Band Die Sterne in Hamburg neu. Ein erster Song war schon 1991auf dem Lado-Singlesampler „Eifersucht“ erschienen, 1992 kam dann die vieldiskutierte Maxi „Fickt das System“, 1993 das Debütalbum „Wichtig“. Da war schon klar, dass Die Sterne eine der interessantesten deutschen Popbands sind: Funk-beeinflusste Grooves trafen auf spröden deutschsprachigen Gesang, der von den Fährnissen des Einzelnen in Gesellschaft und Subkultur handelte. Mit der Single „Universal Tellerwäscher“ übernahm Polydor erstmals eine L’Age D’Or-Platte in größerem Stil – sie wurde nicht der Hit, der sie hätte sein sollen. Aber das zweite Sterne-Album „In echt“ wurde stark beachtet.

Tocotronic debütierten 1994 mit einer selbstveröffentlichten Single, die L’Age D’Or sofort in seinen Mailorder Spezialversand aufnahm. Sänger Dirk von Lowtzow sprach den Satz „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“ auf einer Blumfeld-Platte, auf L’Age D’Or erschien Ende 1994 die Tocotronic-Maxi gleichen Titels. Und mit gleich zwei Alben wurden Tocotronic die Sensation des Jahres 1995. Das Debütalbum „Digital ist besser“ wurde 2001 vom Musikexpress unter die „50 besten deutschen Platten“ gewählt (wie auch „Von allen Gedanken schätze ich doch am meisten die interessanten“ von den Sternen) – und da gehört es auch hin. Ungestümer Post-Grunge-Trio-Rock mit Texten über das Anderssein. 1996 stieg das Album „Wir kommen um uns zu beschweren“ in die deutschen Charts ein.

„Wir kommen um uns zu beschweren“ wurde zusammen mit Tim Renners Motor Music veröffentlicht – dass Tocotronic dort erschienen, war eine Spätfolge des Polydor-Labelvertrags, der Anfang 1995 auslief. Nach einem Intermezzo mit EWM wurde Rough Trade der Vertrieb für L’Age D’Or-Platten (und ist es unter dem Namen Zomba bis heute). Daneben wurde es nun möglich, für einzelne Bands eigene Majorverträge auszuhandeln. So erschien das dritte Sterne-Album „Posen“ beim Sony-Label Epic (und wurde das erste Lado-Album in den deutschen Charts). Management, Vinylveröffentlichung und Verlag (über den angeschlossenen Musikverlag Gold) blieben aber in den Händen von L’Age D’Or.

Hausintern gab es Veränderungen im Laufe der Jahre: Pascal Fuhlbrügge stieg aus, dafür kümmerte sich der Ostzonensuppenwürfel-Musiker Thorsten „Taucher“ Wessel um den Verlag, und aus München stieß Charlotte Goltermann hinzu, deren Begeisterung für elektronische Musik zur Gründung eines Schwesterlabels führte: Ladomat, das bis heute House im weitesten Sinne veröffentlicht und große Erfolge mit Platten von Whirlpool Productions, Commercial Breakup oder Golden Boy & Miss Kittin hatte. Inzwischen ist die Firma organisiert als Lado Musik GmbH mit den Labels Ladomat und L’Age D’Or.

In der zweiten Hälfte der Neunziger erspielten sich Tocotronic und Die Sterne ein immer größeres Publikum, die Alben platzierten sich immer höher in den Charts. L’Age D’Or profitierte davon und brachte eine Vielzahl von Platten heraus, die sich längst nicht mehr über den „Hamburger Schule“-Kamm scheren ließen. Das Programm reichte von Soloplatten der Sänger Tilman Rossmy (Die Regierung), Guz (Die Aeronauten) und Schorsch Kamerun (Die Goldenen Zitronen) über Hans Platzgumers elektronisches „Aura Anthropica“-Projekt und Jonas‘ englischsprachigen Grunge bis zu hervorragenden neuen Alben der alten Bekannten Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs und Aeronauten. Labelsampler wie „Bessere Zeiten klingt gut“ oder „Musik für junge Leute“ brachten den neuen Fans von Tocotronic oder den Sternen die Lado-Geschichte näher, „L’Amigamore“ arbeitete die Beatmusik der DDR auf, „Camp Imperial“ versuchte eine Art LoFi-Experiment unter elektronischen Bedingungen.

Und dann erschien da noch 1996 eine Maxi einer neuen Band namens Stella. Nicht nur weil die beiden Musiker Thies Mynther (Die Regierung, Superpunk, Phantom/Ghost) und Mense Reents (Das Neue Brot, Bungalow, Huah!, Egoexpress) auf zahlreichen anderen Lado-Platten mitgespielt haben, könnte man Stella als Inbegriff des Labelgeistes von L’Age D’Or sehen – obwohl sich die Sängerin/Gitarristin Elena Lange da sicher wehren würde. Einflüsse aus allen möglichen Genres, Gitarre und Elektronik, eine fordernde Haltung, politische Texte und ein Sinn für Schönheit: All das vereinigen Stella in ihrer Musik, die man letztendlich einfach Pop nennen kann. Nix Hamburger Schule, in Japan sagte man angeblich „Happy Charming Fool Dance Music” dazu. Bis heute haben Stella zwei Alben bei L’Age D’Or herausgebracht, ein drittes wird für 2004 sehnsüchtig erwartet.

Das neue Jahrtausend begann für L’Age D’Or mit der kompletten Rückkehr von Tocotronic, deren Vertrag mit Motor auslief. Auch um die enge Verbindung der Gitarren- und Elektronik-Welten im Lado-Kosmos zu dokumentieren, erschien 2000 eine Remixplatte zum letzten Tocotronic-Album: „K.O.O.K. Variationen“ war die erste L’Age D’Or-Platte, die ohne Major-Unterstützung in die deutschen Charts einstieg. – angefeuert von dem Superhelden-Video zu Consoles Version des Toco-Klassikers „Freiburg V3.0“. Über die Jahre haben sich etliche bemerkenswerte Videos zu Lado-Platten angesammelt: Beim Internationalen Kurzfilmfestival 2002 in Hamburg wurde eine Auswahl in einer Werkschau vorgeführt; zum Labeljubiläum erscheint nun eine DVD mit Highlights und Raritäten aus der L’Age D’Or-Videogeschichte (V.Ö. in 2004).

Die Labelgeschichte von L’Age D’Or ging in den Nuller Jahren weiter mit zwei Hamburger Bands, die schon länger beim Gold-Musikverlag unter Vertrag standen, zunächst aber bei anderen Labels veröffentlicht, bevor sie nun bei L’Age D’Or Platten herausbrachten: Die Country-oder-nicht-Country?-Band Fink und die Soul-Beat-Band Superpunk, deren zweites Album „Wasser marsch!“ und vor allem die Single „Neue Zähne für meinen Bruder und mich“ der geheime Hit des Jahres 2001 waren. Daneben begab sich L’Age D’Or auf internationales Terrain, indem eine Platte der französischen Band Dionysos in Lizenz veröffentlicht wurde. Und unter dem Namen Y Records wurde ein neues Unterlabel geschaffen, das ausschließlich Maxis mit je vier unterschiedlichen Bands herausbringt – ein Platz zum Experimentieren und zum Austesten von Publikumsreaktionen.

Riesig war die Resonanz auf ein Stück von der ersten Y-EP: Der Techno-Klassiker „Knights Of The Jaguar“ wurde gecovert in einer Gitarrenband-Version. Das fanden sogar die meisten englischen Musikmagazine grandios, und so war dort erstmals der Name der Regensburger Band Beige GT zu lesen, die bald darauf auch ihr Debütalbum „Jukebox Heroes“ bei L’Age D’Or veröffentlichten. Ein weiterer Bayern-Import kam 2003 dazu: The Robocop Kraus aus Nürnberg, die nach mehreren selbst und auf Kleinlabels veröffentlichten Platten nun mit L’Age D’Or ein breiteres Publikum erreichen wollen. Das Album „Living With Other People“ braucht sich vor den Platten von Hot Hot Heat oder Radio 4 nicht verstecken, das fand auch ein begeistertes Konzertpublikum in London.

Doch auch in Hamburg sucht und findet L’Age D’Or weiter Neuzugänge: Zoe Meißner und Tobias Asche sind Spillsbury und spielen Elektro-Pop, der sich beeilen muss, weil er weiter will – zum Beispiel ins Musikfernsehen, wo die Single „Die Wahrheit“ des öfteren zu sehen ist. Ganz anders klingt Richard, der neue Keyboarder von den Sternen, dessen Soloalbum in sich selbst, seinem etwas versponnenen Humor und freundlichen Bontempi-Beats ruht. Die Sterne selbst sind inzwischen bei Virgin unter Vertrag, die Verlagsaufgaben werden aber weiterhin von der Lado-Tochter Gold übernommen – und auch bei der „Yubellado“-Tour zum 15-jährigen Jubiläum zeigen Die Sterne ihre Verbundenheit und sind mit dabei.

Was wird die Zukunft also bringen? Neue Platten unter anderem von Tocotronic (nach ihrem namenlosen Meisterwerk von 2002) und Stella, neue Bands wie Von Spar aus Köln, über die man sich Großes erzählt. Weitere nette Ideen wie die Kinder-T-Shirts, die letztes Jahr zu Weihnachten herauskamen. Ganz sicher bleibt L’Age D’Or ein Label, das neugierig ist: Das Versprechen, dass jedes Demo angehört wird, gilt immer noch – vielleicht ist jemand dabei, den L’Age D’Or voranbringen kann. Und der L’Age D’Or voranbringen kann, beim Weitermachen, „mit 180 Richtung weißnochnicht“, wie Spillsbury singen. Seit 15 Jahren. Wow!

Felix Bayer